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Frühling 2016

Blinded by the light

Über den Zustand der Aufklärung

Editorial

Zwei Dinge sind unendlich – die Dummheit und das All. Ob es das All wirklich ist, wie die Einstürzenden Neubauten behaupten, können wir nicht mit Sicherheit beurteilen. Dass Dummheit zwar Grenzen propagiert, aber grenzenlos agiert, zeigt sich täglich. Unter anderem an den Tipps, die Gemeinden und Initiativen für Geflüchtete herausgeben. Nach der rührigen Ansprache »Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!« klärt beispielsweise die Gemeinde Hardheim auf: »Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.« Wahrscheinlich gibt es im Odenwald weder große Sportevents, linke Zentren, noch ein Oktoberfest, aber auch jedes Kleingartenspartenfest bezeugt eine andere Norm. Das gemeinschaftliche Gegen-den-Zaun-Pissen ist doch deutlich deutsche Tradition und sollte den »lieben Fremden« vielleicht erklärt werden. Ja, Hardheim ist ein unbedeutendes Kaff, aber auch wichtigere Player lassen es sich nicht nehmen, eine homogene autochthone Kultur zu imaginieren und paternalistisch weiterzugeben. Der Leitfaden der Konrad-Adenauer-Stiftung will helfen »besser mit den Deutschen und ihren Gepflogenheiten zurechtzukommen«; von Pünktlichkeit bis artiges Anstellen im Supermarkt wird kaum ein Klischee ausgelassen. Bemerkenswert ist Tipp Nummer 20 von insgesamt 30: »Alkohol trinken ist im Freien nicht gern gesehen oder sogar verboten«. Selbst mit der Einschränkung »außer an Silvester und bei besonderen Feierlichkeiten« bleibt es schlicht gelogen. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2, Leipzig

Blinded by the light

Über den Zustand der Aufklärung

Eigentlich gab es bereits genug Gründe, sich in einem Schwerpunkt der Phase 2 mit dem Begriff der Aufklärung auseinanderzusetzen, Ordnung zu stiften in einem Dickicht aus historischen und politischen Bezügen und darzulegen, was gemeint ist, wenn davon gesprochen wird, »aufzuklären«. Ist nicht gerade Aufklärung, der es vor allem um die öffentliche Freiheit und das öffentliche Glück ging, das Programm einer an einer befreiten Gesellschaft interessierten Zeitschrift? War nicht die Linke vor allem der Aufklärung verpflichtet, wenn sie sich mit Karl Marx auf die Fahnen schrieb, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« und damit das, was Immanuel Kant noch in den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates dachte, über sich hinaus zu treiben? Nein, Immanuel Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« (1784) feiert kein rundes Jubiläum, zumal den Text, der längst in den Rang eines Gründungsdokuments der grob auf das 18. Jahrhundert datierten Aufklärung und der mit ihr verbundenen Werte erhoben wurde, zum Zeitpunkt seines Erscheinens nur ein Bruchteil der Bevölkerung lesen konnte. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung lebte überhaupt in urbanen Zentren, das Bürgertum war eine Minderheit und die Zahl der aktiv Lesenden lag bei etwa einem Prozent. Doch auch wenn das heute anders ist, lassen sich Marx und Kant kaum mehr als hilflos-appellativ zitieren, wenn Tausende von Menschen sich tatsächlich ihres eigenen Verstandes bedienen und die Grenzen jener failed states überqueren, in denen sie unterjocht und verfolgt werden oder man sie schlicht verhungern lässt. Sie fliehen in Richtung jener Gemeinwesen, in denen sie sich Freiheit, Sicherheit und ein bescheidenes Auskommen erhoffen – so sie es denn bis dorthin schaffen und nicht vorher Opfer einer europäischen Grenzpolitik, die die Toten im Mittelmeer billigend in Kauf nimmt, und immer unduldsamerer Staaten werden. Was hilft die Forderung nach einem Ausgang aus der »selbstverschuldeten Unmündigkeit«, wenn die Zahl der brennenden Erstaufnahmestätten beständig steigt, »besorgte« BürgerInnen sich partout nicht aufklären lassen wollen oder wenn – etwas weiter von der eigenen Haustür entfernt – in Jerusalem und Tel Aviv jedes Warten an der Bushaltestelle tödlich enden kann und deutsche Zeitungen nicht vor der Überschrift zurückschrecken: »Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis«? Wenn es das Ziel der Aufklärung ist, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schreiben, »von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen«, scheint sie momentan weit von diesem Ziel entfernt. All das wären ausreichend Gründe gewesen, sich dem Begriff der Aufklärung zu widmen, ihren Verfall sowie die Tendenz zu reflektieren, ihren eigenen Gegenpart hervorzubringen; oder – wie Blair Taylor in seinem Beitrag – zu fragen, warum es gerade Linke sind, die beispielsweise einer französischen Satirezeitschrift die Solidarität versagten, weil ihnen die Kritik einer als eurozentrisch und imperialistisch diffamierten Aufklärung über alles geht, die sich von dem Stück Universalismus und Individualismus, das die Linke in ihren besten Momenten einmal auszeichnete, abgewandt haben und stattdessen, ob wissentlich oder nicht, einem Programm der Gegenaufklärung folgen. weiter

Blair Taylor

Eine Linke ohne Aufklärung?

Postkolonialismus in einer Epoche des Terrors

Die Ermordung satirischer JournalistInnen von Charlie Hebdo durch islamistische Schützen unlängst in Paris wurde in der Linken kontrovers kommentiert. Auf der einen Seite verurteilten Liberale, AtheistInnen und ein paar einzelne »klassische« Linke sowohl den Angriff als auch den politischen Islam aufs Schärfste, verteidigten die Redefreiheit und erklärten ihre Solidarität mit den Opfern: »Je suis Charlie«. Auf der anderen Seite verurteilte die postkoloniale und antiimperialistische Linke nicht den Angriff, sondern das Magazin für dessen satirische Darstellungen des Islam als rassistisch und islamophob, womit die Hauptschuld vorherrschendem Rassismus und imperialistischen Militärinterventionen zugeschrieben wurde. Für Redefreiheit Stellung zu beziehen und sich mit den ermordeten JournalistInnen solidarisch zu erklären, bedeutete für sie impliziten Rassismus und die Bejahung des Status quo. Ähnliche Debatten fanden bereits rund um das Erstarken des Islamischen Staats und die Frage der militärischen Unterstützung kurdischer VerteidigungskämpferInnen von Kobane statt: war dies ein modernes Mein Katalonien, angewiesen auf internationale linke Unterstützung, oder lediglich eine weitere Entschuldigung für westliche Militärintervention im mittleren Osten? Die noch jüngeren Attentate in Paris provozierten ähnliche Argumente – die Hauptschuld wurde dem westlichen Imperialismus zugeschrieben und Gesten der Solidarität als heuchlerisch und rassistisch kritisiert. weiter

Isabelle Klasen

»Das Leben, das zu entschwinden droht«

Die Dialektik der Aufklärung und das Werk Frank Auerbach

Die Antwort Hebbels auf die Frage, was dem Leben in späteren Jahren den Zauber nähme, die Adorno in dem Aphorismus Kaufmannsladen aus den Minima Moralia zitiert, ließe sich auf die Geschichte der Aufklärung übertragen: »›Weil wir in all den bunten verzerrten Puppen die Walze sehen, die sie in Bewegung setzt, und weil eben darum die reizende Mannigfaltigkeit der Welt sich in eine hölzerne Einförmigkeit auflöst. Wenn einmal ein Kind die Seiltänzer singen, die Musikanten blasen, die Mädchen Wasser tragen, die Kutscher fahren sieht, so denkt es, das geschähe alles aus Lust und Freude an der Sache; es kann sich gar nicht vorstellen, daß diese Leute auch essen und trinken, zu Bett gehen und wieder aufstehen. Wir aber wissen worum es geht‹. Nämlich um den Erwerb, der alle Tätigkeiten als bloße Mittel beschlagnahmt, vertauschbar reduziert auf die abstrakte Arbeitszeit.« Die Anschauungswelt, so Adorno, werde hierdurch in Grau getaucht, die Qualität der Dinge aus dem Wesen zur zufälligen Erscheinung ihres Werts, und dies verunstalte auch ihre Wahrnehmung: »Das, worin nicht mehr das Licht der eigenen Bestimmung als ›Lust an der Sache‹ leuchtet, verblaßt dem Auge«.Theodor W. Adorno, Minima Moralia, in: Ders., Gesammelte Schriften (GS) 4, Frankfurt a.M. 1997, 259f.  Das Licht jedoch, dessen das wahrnehmende Auge bedarf, rief bereits Novalis‘ Spott hervor: Aufgrund seines »mathematischen Gehorsams« sei das Geschäft der Aufklärung nicht ohne Grund danach benannt worden. Es habe sich brechen lassen; womit jedoch das Leuchten verschwand und der Überschuss an Freiheit, durch den die Menschen in den Gestalten der Welt mehr als bloße Exemplare zu erkennen vermögen.  weiter

Hannes Bode

Blinde Flecken

Die Negation von Aufklärung und Menschenrechten ist die Voraussetzung der Negation des Bestehenden in ihrem Namen

Der Blick in die Geschichte, die »Tradition der Unterdrückten«, zeigt den kritischen Betrachter­Innen die Geschichte eines nahezu permanenten Ausnahmezustands. Unser Begriff der Geschichte wird dieser Tatsache nicht gerecht. Diese Feststellung Walter Benjamins aus dem Jahr 1940 bezieht sich auch auf die Geschichte der Aufklärung, der Moderne. »Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ›noch‹ möglich sind«, so Benjamin, sei »kein philosophisches«. Es stehe »nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.« Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Ders., Sprache und Geschichte, Stuttgart 1992, 145–146. Diese Feststellung ist immer noch aktuell. Die »Werte« der Aufklärung sedimentierten »im Laufe ihrer Verinnerlichungsgeschichte zur ›zweiten Natur‹« und blieben der unreflektierte Referenzpunkt nicht nur in Politik und Feuilleton unserer bürgerlichen Demokratie, sondern auch in linken Debatten. »Freiheit, Gleichheit und Demokratie sind die letzten Posten«, auf die sich selbst gesellschaftskritisches Denken zurückzieht, »und die praktische Ohnmacht, dem Krisenprozess etwas entgegensetzen zu können, entspricht lediglich der zutraulichen Naivität« gegenüber ihrem theoretischen Fundament. Daniel Späth, Das Elend der Aufklärung, in: EXIT. Krise und Kritik der Warengesellschaft, 8 (2011), 45–78, 48. Die Geschichte der Aufklärung, die das aufgeklärte Europa erzählt, ist eine ideologische Verschleierung der Realgeschichte der Aufklärung. Erst der Blick auf das Leid, aus dem Aufklärung ersteht, und das Leid, das sie real mit sich brachte und zu entschulden half, lässt ihre Kernidee positiv greifbar werden. Der Gedanke der Freiheit steht seit jeher im Spannungsverhältnis zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, die ihn in dieser Form erst entstehen ließen. weiter

Stine Meyer

Arbeit ernährt, Müßiggang verzehrt

Die Mobilisierung des Subjekts in der Aufklärung

Bei allem Verdruss über die Welt galt dem jungen Werther die Eintönigkeit des Arbeitsalltags als das größte Übel: »Wenn Du fragst, wie die Leute hier sind, muß ich Dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmig Ding ums Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, ums loszuwerden. O Bestimmung des Menschen.« Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Goethes Werke in zwölf Bänden, Bd. 5, Berlin/Weimar 1981, 12. Nun erlaubte seine einigermaßen privilegierte Position es ihm, seine Tage weitgehend ohne Arbeit zu verbringen und stattdessen vom Vermögen der Familie zu leben. Eine Tätigkeit als Sekretär nimmt er erst auf, als er seinen Herzschmerz vergessen möchte. Und so steht für ihn nicht der Gelderwerb im Vordergrund, sondern die Ablenkung. Mit dem jungen Werther stellt Goethe das Ideal eines Menschen ins Zentrum, der tätig ist, aber nicht arbeitet. Weil das Tätigsein nicht dem Prinzip der Produktivität folgt, gilt es nicht als Arbeit und wird in der Gegenwart unter Faulheit subsumiert und verdammt. Etwas am Verhältnis von Arbeit, Tätigsein und Faulheit muss sich also verändert haben. weiter

Meli Hermann, Mani Tilgner

Zur Genese der Zweigeschlechtlichkeit

Die Historische und Ideengeschichtliche Entstehung eines bürgerlichen Konstrukts

Seit den Anfängen ihrer Geschichte vor mehr als 250 Jahren hat die moderne Zweigeschlechtlichkeit enorme Wandlungen vollzogen. Sowohl das Verhältnis der Geschlechter zueinander als auch die Positionen von Männern und Frauen in der Gesellschaft haben sich in den vergangenen Jahrhunderten drastisch gewandelt. Die wohl auffälligsten materiellen wie rechtlichen Innovationen für Frauen barg das gerade hinter uns liegende 20. Jahrhundert. In seinem Verlauf erwarben Frauen nicht nur das Wahlrecht, sondern sukzessiven Zugang zu bis dahin männlich dominierten Berufen und Positionen innerhalb der Gesellschaft. Zudem vervielfältigten sich, insbesondere in den letzten 30 Jahren Identitäts-, Lebens- und Beziehungsmodelle. Dies ist sowohl als Resultat feministischer Kämpfe zu verstehen, als auch auf die sich verändernden kapitalistischen Anforderungen an Individuum und Gesellschaft zurückzuführen. weiter