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Herbst 2013

Akademisierung der Kritik?

Theorie zwischen Ratio und Rationalisierung

Editorial

Ausgerechnet im Land der Brüderlichkeit hat die Öffnung der Ehe inklusive Adoptionsmöglichkeit für Schwule und Lesben zu Demonstrationen ungeahnten Ausmaßes geführt. Mehrere 100.000 Menschen, der Veranstalter sprach bei einer Demo gar von einer Millionen, gingen gegen die sogenannte Homo-Ehe auf die Straße. Die unheilige Allianz aus Gott, Gewalt und Idiotie nahm ihren Lauf. Aufhalten konnte sie die »Bürgerlichkeit für Alle« nicht. Nicht in Frankreich, nicht in den USA oder England oder Deutschland und (hoffentlich) nicht in Brasilien. Alle diese Länder haben in den letzten Wochen ihre Ehe-Gesetze gerechter gestaltet. So abstoßend wie die homophoben Demos in Paris auch waren, sie blieben immerhin erfolglos. In anderen Ländern werden gleichzeitig die absurdesten Gesetze erlassen, um jede Homosexualität gewalttätig anzugreifen. Allen voran Russland, dort wurde »homosexuelle Propaganda« gesetzlich verboten, positive Äußerungen über Homosexualität – auch medial – stehen unter (zumeist Geld-)Strafe. Eine öffentliche Kritik an dem Gesetz wird sozusagen in dem Gesetz selbst unter Strafe gestellt. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Christine Kirchhoff

Akademisierung der Kritik?

Theorie zwischen Ratio und Rationalisierung

Der folgende Artikel hält sich nicht an die Spielregeln akademischen Schreibens. Die Sprache ist so kompliziert, wie sie sein muss. Ich zitiere aus dem Gedächtnis, gebe keine Quellen an und es gibt auch keine Fußnoten. Ich führe Begriffe nicht ein, weder über ihre Geschichte, noch über ihre Rezeption noch über ihre Bedeutung bei verschiedenen AutorInnen. Denn das würde schnell eine akademische Abhandlung. Allerdings wird kaum verborgen bleiben, dass hier eine Akademikerin schreibt. weiter

Stefan Ripplinger

Unzuverlässige Kämpfer

Intellektuelle als Objekte und Subjekte von Politik

Am Ende ihres Lebens legen die Intellektuellen die Hände in den Schoß. Nachdem sie vor Jahren noch eine ordentliche Professur ergattert haben, eine der letzten, können sie nun schmunzelnd auf die Irrungen und Wirrungen ihrer politischen Existenz blicken. Was man so las, haben sie gelesen, alle Moden mitgemacht, alle Illusionen geteilt, alle Fehler begangen, erst an Adorno, dann an Marcuse, dann an Mao, dann an Max Weber und schließlich an gar nichts mehr geglaubt, sich in Politgruppen über einen Satz im Kapital bis aufs Messer gestritten, versucht, erst die Proletarier und Proletarierinnen, dann die Kolleginnen und Kollegen und schließlich nur noch die Doktorandin oder den Doktoranden zu agitieren. Gebracht hat zwar alles nichts, aber das Leben ging glimpflich vorüber und die Grünen gäbe es ohne sie gewiss nicht. weiter

Frank Engster

Post-Marxismus

Zur Kritik der Politischen Ontologie

Vielleicht hat Terry Eagleton in einem Satz über Derridas Verhältnis zur Idee des Kommunismus auch bereits den Post-Marxismus auf den Punkt gebracht: »If Derrida was later to declare himself a communist, it was only in the sense that Kennedy called himself a Berliner.« Doch wie immer man zu ihm stehen mag: Der Post-Marxismus ist das Maß der gegenwärtigen Kapitalismuskritik – keine Auseinandersetzung um eine angemessene Gesellschaftskritik ohne Auseinandersetzung mit dem Post-Marxismus! weiter