Gegen den Staat

oder: schade eigentlich, dass so coole Sachen wie Alltagskritik und das Konstruieren von Situationen nie in Zeitschriften nachgelesen werden können.

Mit dem Ende des Staats-Antifa-Sommers und der Auflösung der AABO und somit mit der Einführung jenes Blattes, das die geneigte LeserIn gerade in den Händen hält, hat sich keine der Hoffnungen erfüllt, welche der organisierte autonome Antifaschismus in den vergangenen zehn Jahren nicht müde geworden war, zu verbreiten: dass revolutionärer Antifaschismus eine Kritik der ganzen Gesellschaft bedeute, welche genauer darzulegen, allerdings gerade nicht möglich sei, da im Moment nun erst einmal die Nazis zurückzudrängen seien und dann ließe sich gerne mal über alles weitere reden....

Mittlerweile dürfte klar sein, dass da auch nichts mehr kommen wird, und so steht die Phase 2 wie sie ist zunächst auf verlorenem Posten: sie will Theoriedebatten zugänglich machen und Gesellschaftskritik verbreiten, sammeln, darin vorwärts kommen und wirkt dabei eklektisch, planlos, Debatten um Jahre hinterher, zentristisch um Ausgleich bemüht, will es allen recht machen und muss sich als Forum anbieten, wo die Theoriehengste noch einmal das wiederholen können, was hinlänglich oft publiziert worden ist. Das ist nicht der Phase 2 vorzuwerfen, ihre Offenheit und ihr Bedürfnis nach umfassender Wahrnehmung dessen, was an Gesellschaftskritik erscheint, ist ernst zu nehmen - und das Resultat ernüchtert. Vielleicht bietet sich in genau so einem Moment die Chance, einer über die gewöhnliche homöopathische Dosierung hinausgehende, Reflektion auf das, was erklärte Feinde der bestehenden Verhältnisse so machen, in was für einem geschichtlichen und theoretischen Strom sie dabei schwimmen und was sie notwendig verdrängen müssen, um so weitermachen zu können wie bisher. Die folgenden Überlegungen mögen bitte nicht als Ausdruck von "Bescheidwissen" missverstanden werden, sie stellen lediglich den Versuch dar, sich in der gegenwärtigen Misere zu orientieren.

Als 1989 das relativ isolierte Weltmarktsegment namens ‚Rat zur gegenseitigen Wirtschaftshilfe' kollabierte, nahm es auch einen guten Teil von dem, was sich Linke genannt hatte, mit in das Vergessen. Die Konstellation, die ab der Niederschlagung Nazideutschlands die modernen Gesellschaften gespalten hatte, zerfiel und machte Platz für ein Deutschland, das den zweiten Weltkrieg im Nachhinein gewonnen zu haben schien. In dieser Hochphase von Naziaktivitäten blieb AntifaschistInnen kaum etwas anderes übrig, als sich besser zu organisieren, und in dieser hilflosen Situation wirkte das Kokettieren der AABO mit autoritärem Sozialismus und ebensolcher Selbstinszenierung, sozialistischem Realismus und Bildern von Durchsetzungsvermögen erheiternd oder, wenn man daran glauben wollte oder die Lage besonders schlimm war, auch"erhebend". Die AABO fiel damit hinter die bereits weitgehend untergegangene autonome Bewegung zurück, die immerhin zu ihren besseren Zeiten (als nämlich die Einflüsse einer vitalen Bewegung aus Italien noch stärker waren) von einer Kritik genau dieser Regredierungen revolutionärer Ausdrucksformen ausgegangen war. Worin bestand die Erfahrung der Autonomie?

In der Kritik der Parteiform; der Ausdehnung des Begriffs Kassenkampf von "betrieblichen Kämpfen" zu solchen auf den Terrains, die die bürgerliche Welt "Reproduktion" nennt; der Anerkennung der zentralen Rolle der Kategorie Geschlecht; die revolutionäre Aneignung avantgardistischer Kunst und Popmusik; der Ablehnung des Konzepts der Eroberung von Macht, Staat...; der Ablehnung von Sekten, leninistischen Rackets und ihren autoritären Strukturen; der Ablehnung von Stellvertreterpolitik; der Kritik des Alltagslebens, der eigenen Proletarisierung und des hierarchisierten Wissens. Die Niederlage dieser autonomen Bewegung tarnte sich in genau den machistischen Ritualisierungen, die autoritär zu beerben, die AABO auf den Plan trat.

Der einzige noch einer marxschen Kritik der modernen Gesellschaft verpflichtete Teil der Autonomen, die Wildcat, schoss sich mit ihrer "Klassenanalyse" der rassistischen Pogrome Anfang der 90er Jahre für eine ganze Weile aus den Diskussionen.

Gegen die weitgehende theoretische Entwaffnung der Linken formierten zwei Strömungen, die ihren zum Teil recht unterschiedlichen Baustellen den gleichen Namen gaben: Wertkritik. Das war zum einen die seit Mitte der 80er Jahre als Marxistische Kritik erscheinende spätere Krisis. Ebenfalls in diesem Zeitraum entstand die linkskommunistische Initiative Sozialistisches Forum (ISF), die dann in den 90er Jahren zusammen mit der Bahamas, einer nach 1989 erfolgten Abspaltung vom Kommunistischen Bund (KB), jene Kritik mitformulierten, die gemeinhin als "antideutsch" bezeichnet wird. Gerade weil sich diese Gruppen in den letzten Jahren nicht mehr weiterentwickelt haben, muss darauf hingewiesen werden, welche enorme Bedeutung sie für die Aneignung von Kritik kapitalistischer und besonders deutscher Vergesellschaftung in ersten zwei Dritteln der 90er Jahre hatten. War dies bei der Krisis über lange Zeit der direkte Zugriff auf Marx, den sie ermöglichte, und damit seine Relektüre gegen den Marxismus in den unterschiedlichsten Gestalten, so verteidigte die Wertkritik antideutscher Prägung Einsichten, die eine politische Positionierung gegen die überwiegenden Mehrheit der Restlinken unvermeidlich machte. Gerade wenn sich seit dem 11. September 2001 erschreckend viele Linke, von denen dies nicht zu erwarten war, wieder ihre soliden 80er Schlüssel aus der Werkzeugkiste geholt haben und dabei so tun als wäre nie etwas gewesen, sind sie zu nennen und im Folgenden zu verteidigen.

Das Schema Imperialismus vs. Volksbefreiungskampf wird seit Jahrzehnten von der Linken in Deutschland unverändert vertreten. Die Solidarität mit dem Befreiungskampf geht aus der mit diesem Schema untermauerten Argumentation zwingend hervor. Zweck des Schemas ist die Mobilisierung von Solidarität mit den Unterdrückten. Israel bzw. das palästinensische Volk ist ebenfalls seit Jahrzehnten ein, wenn nicht der Fixpunkt der internationalen Solidarität mit den vom Imperialismus Unterdrückten. Die Auffassung und Darstellung des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern ist dabei gleichfalls seit Jahrzehnten unverändert: Das palästinensische Volk werde von Israel, dem militärisch hochgerüsteten Agenten des US-Imperialismus unterdrückt. Die internationale Solidarität müsse eindeutig und uneingeschränkt den Palästinensern gelten.

Deutschland ist seit 1989/90 auf seinem Weg zur Wiedererlangung uneingeschränkter nationaler Souveränität mit Rasanz und Aggressivität vorangeschritten. Mit dem Krieg gegen Jugoslawien wurde ein letzter entscheidender Schritt zur Befreiung von dem Bann, als der die Nachkriegsordnung in Deutschland begriffen wurde, getan: die Beseitigung des Verbots, einen Angriffskrieg führen zu dürfen.

In Reaktion auf die Neuordnung der Welt nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus 1989/90 haben innerhalb der Linken zahlreiche Debatten um das eigene Selbstverständnis stattgefunden. In Deutschland fand dies unter dem Eindruck einer wiedererlangten nationalen Einheit und dem daraus resultierenden Normalisierungswunsch der Nation, ihrer Medien und Bevölkerung statt. Die Debatte um die Bedeutung des Nationalsozialismus und des Holocaust nahmen hier zentralen Stellenwert ein. Teile der Linken begriffen die Auseinandersetzung mit diesen Themen als entscheidende Ansatzpunkte zur Beurteilung der politischen Verhältnisse in Deutschland, für ein linkes Selbstverständnis und eine linke Praxis nach dem Ende des Realsozialismus.

Mit einer fürs erste in utopische Ferne gerückten Option auf eine Beseitigung des kapitalistischen Gesellschaftsmodells und der imperialistischen Weltordnung rückte aus dieser Warte eine politische Praxis in den Vordergrund, die die reaktionäre Tendenz zur nationalen Erneuerung in Deutschland reflektierte und attackierte. Dies vor allem auch unter dem Eindruck der zunehmenden rechtsradikalen Gewalt und der in den Debatten um Goldhagen, Walser und Holocaustmahnmal zum Ausdruck kommenden, immer offener und selbstbewusster auftretenden Forderung der Deutschen nach einem Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit.

In dieser Auseinandersetzung mit letzterem fand die längst überfällige Reflektion darüber statt, dass die kollektive Mentalität, die in Deutschland den Nationalsozialismus zur Macht und den Holocaust zur Verwirklichung gebracht hatte, in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches teils latent, teils offen fortbestand und zwar im gesamten gesellschaftlichen Spektrum. Es fanden sich zahlreiche Belege dafür, dass die deutsche Linke in ihrem Selbstverständnis als Negation der herrschenden Verhältnisse wiederholt und strukturell blind gewesen war gegenüber der eigenen (fahrlässigen) Reproduktion von Antisemitismus. Als eine der Hauptursachen ist die simplistische Auffassung des Imperialismus zu nennen. Die uneingeschränkte positive Bezugnahme auf die Unterdrückten ist in ihrem Eifer für internationale Solidarität blind für jedwede Besonderheit oder Veränderung der konkreten Konflikte. Kritische Fragen zu nationalistischen, rassistischen, autoritären, patriarchalen Strukturen und Tendenzen auch im

Lager der Unterdrückten wurden als Angriff auf die Schlagkraft der internationalen Solidarität empfunden und entsprechend abgelehnt. Die Erkenntnis eines Antisemitismus innerhalb der Linken wurde mit dem Hinweis zurückgewiesen, die antiimperialistische Position sei nicht antisemitisch sondern antizionistisch, richte sich also nicht gegen das jüdische Volk sondern den israelischen Staat. Die Porosität der Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus hat sich im Widerspruch dazu leider nur allzu oft erwiesen.

Die von Linken betriebene Aufarbeitung des Verhältnisses der Linken zum Konflikt zwischen Israel und Palästinensern dauert mittlerweile seit mehreren Jahren an. Inzwischen müsste auch der letzte deutsche Linke Kenntnis von den zahllosen antisemitischen Vorfällen in der deutschen Linken haben, zu welchen eine Solidarität mit den Palästinensern führte, die Israel einzig als Agenten des US-Imperialismus, als "imperialistischer Staat wie jeder andere" begreifen konnte und ihn entsprechend attackierte. (Noch beschränkter aber gar nicht so selten geschah es, dass explizit Israel das vorgeworfen wurde, wofür jeder bürgerliche Staat zu kritisieren ist!)

Diese Ungebrochenheit und Eindeutigkeit des antiisraelischen Antiimperialismus, die Ignoranz gegenüber 10 Jahren Debatten um Antisemitismus in der Linken und deutsche Normalität kann kaum mehr als fahrlässig angesehen werden. Hier zeigt sich eine Attitüde der Unbedenklichkeit und Geringschätzung gegenüber dem Problem des Antisemitismus, die diesen zugunsten der Kontinuität antiimperialistischer Erklärungsmodelle bewusst in Kauf nimmt. Letzteres ist leider nicht nur fahrlässig sondern auch gefährlich, weil hier Deutschland nicht wahrgenommen wird als die wiederauferstehende, in Europa jetzt schon ökonomisch und politisch führende Macht, welche am vehementesten auf die Veränderung des imperialistischen Status quo hinarbeitet. Diese Ignoranz führt in der Logik des erstarrten Diskurses (also keineswegs willentlich) in die schlechte Gesellschaft jener, die aus ganz anderen Gründen gegen den Imperialismus (der USA) und den Kapitalismus (als Globalisierung amerikanischer Prägung, als Shareholder aus der Wall Street) sind. Genau über diese Ideologeme - dem verkürzten Antikapitalismus und dem festgefressenen Antiamerikanismus - sind die wichtigsten Koordinaten beschrieben, an denen sich die deutsch-europäische Identität auch (ob bewusst oder unbewusst) von "links" entwickeln wird und wo man sich mit der Neuen Mitte und der (neuen) Rechten treffen wird. Fragt sich zwangsläufig, was man mit den Resten eins solchen 'Antiimperialismus und Antikapitalismus' noch soll in einem Projekt, das an einer emanzipativen Überwindung der herrschenden Verhältnisse interessiert ist.

Und wieder ist es der ungebrochene simplistische Antiimperialismus, der geradezu zwangsläufig zum Antisemitismus führt. Der Imperialismus, Israel und Nazi-Deutschland werden durch die Brille der antiimperialistischen Lagerbildung eins. Die ins Auge springende Absurdität und politische Demenz, die diese Logik produziert, muss ignorieren, dass die Gründung des Staates Israel direkt aus der Vernichtung der europäischen Juden durch die deutschen Nationalsozialisten erfolgte und der Staat Israel nach wie vor als der Ort definiert ist, an dem Juden ohne Angst vor antisemitischer Gewalt leben können sollen. Daraus muss eine Haltung der Solidarität mit Israel erfolgen (was das genau heißt, sollte endlich einmal Gegenstand der Diskussion sein!), gerade in Hinblick auf die Verfasstheit der arabischen Gesellschaften, deren Krisen nicht in sozialen Revolutionen münden, sondern in immer wieder wiederkehrende Projektionen auf Israel als angeblichem Verursacher aller Probleme.

Dieses antideutsche Nadelöhr ist unabdingbare Voraussetzung, um überhaupt noch einmal gegen die postfaschistische Vergesellschaftung das Projekt der Abschaffung, der kommunistischen Überwindung denken zu können und markiert den unüberwindbaren Gegensatz zu einer Restlinken, die immer nur meint ökonomistisch belegen zu müssen, inwieweit die Shoah sich für das Kapital in Deutschland gelohnt hätte.

Krisis und Bahamas/ISF mussten sich, wie alle Versuche mit etwas Neuem zu beginnen, selbst erst mal abschließen, um sich aus dem restlinken Sumpf heraussprengen zu können. Die zeitweilige Notwendigkeit einer solchen Sektenstruktur soll hier nicht geleugnet werden. Die Kunst bestünde jedoch darin, den richtigen Moment der Öffnung abzupassen, damit die Assoziation keine Sekte bleiben muss. Gelingt es nicht, ab einem gewissen Moment die erweiternde Kritik aufzunehmen, muss das Projekt abstürzen, weil es nur Nachbeter des schon Gesagten in seinen Reihen dulden kann. Seit Mitte der 90er Jahre ist zu beobachten, wie die zwei Schulen der Wertkritik immer dümmer werden. Die Krisis, von der immerhin einmal etwas darüber zu lernen war, dass auch das Kapital seine Geschichte hat, scheint, nachdem sie über Jahre wichtige Kategorien wie Arbeit oder Proletariat über Bord geworfen hat anstatt sie kritisch zu schärfen und von dem Ballast des Marxismus zu befreien, in der gegenwärtigen Situation nichts mehr zu sagen zu haben, gräbt in der Frühmoderne nach Schießpulver oder präsentiert Marx for kids.

Bahamas und ISF haben sich auf die Produktion von Skandalen spezialisiert, was ebenfalls nicht zur Weiterentwicklung revolutionärer Gesellschaftskritik führt, sondern in erster Linie (keineswegs immer an den falschen Punkten) Spaltungen erzeugt. Dass ihre AnhängerInnen davon nicht klüger werden, sondern nur im Wiederholen des bereits Vorgesagten, dabei den von Ihnen gerne benutzten Begriff des Kommunismus nur aus der Ecke der kritischen Kritik aufrufen, also als letztlich ins Reich der Ideen zurückgeworfen, offenbart ein Dilemma: trotz der Vollalarmauftritte wird auch bei diesem Verein nur mit Wasser gekocht. Dabei bleiben sie mit ihrem "Kommunismus" nicht nur die Frage nach der Aneignung der eigenen Gesellschaftlichkeit schuldig, sondern affimieren sogar in ihren schlechtesten Momenten Teile des zu Kritisierenden. Doch bleibt der Sachverhalt der völligen Enteignung von revolutionärer Theorie unangetastet, wenn sie auf dem Markt der linken Meinungen immer wieder nur die gleiche Ware anbieten: Recht haben. Denn um noch einmal auf die Formseite zurückzukommen, hat die Wertkritik den Leninismus meist nur als Inhalt aber nie als Form von Assoziation kritisiert. Besonders deutlich wird dies an der Diskursstrategie der Bahamas, die ihre Provokationen in einer Weise betreibt, dass am Ende immer Reaktionen herauskommen, die das zuvor von ihnen Prognostizierte bruchlos bestätigen, aber auch nichts neues hinzutreten lassen, was offenbar auch nicht gewollt ist, geht es doch um die Herstellung einer Hegemonie im Zerfall der Restlinken - work in decay. Damit ließe sich zumindest zum Teil die komplett wahnsinnige Intervention in der Sexismusdebatte erklären. Es ist der Gestus, dass fast schon zwanghaft breitbeinig mit dem Arsch wieder eingerissen werden muss, was zuvor an richtigen Beobachtungen oder (Teil-)Beiträgen geliefert wird. Das erleichtert es denjenigen, die in den 90ern garantiert nichts kapiert haben, aber immerhin ein paar Jahre das Maul halten mussten, im gegenwärtig sich vollziehenden back-to-the-eighties-lash aus der Deckung zu kommen. Der anti-theoretische Affekt der allmählich wieder nachwachsenden Restlinken rechtfertigt sich dankbar über die Bahamas und letztere hat die von ihr gewünschten Effekte. Oder anders ausgedrückt. Hier wirkt ein Leninismus, der durch Adorno gegangen ist, ohne jemals das in der K-Gruppe erlernte Handwerkszeug infrage zu stellen. Eine Reflektion darauf, was die Handelnden in einer konkreten Situation machen, wo im Feld sie selbst sie zu verorten sind, findet nicht statt. Damit entfällt jede über das reine Lippenbekenntnis hinausgehende Möglichkeit von Fetischkritik.

Und das ist das Dilemma. Denn wenn in Durban von den anwesenden NGOs nichts wichtigeres zu beschließen ist, als den Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen, darf mit Recht das Schlimmste von ihnen erwartet werden. Angesichts von Antiglobaliserungsbewegungen, deren Kritik am Kapitalismus der Zeit vor Marx nichts voraus hat, scheinen die Anstrengungen, die Wertvergesellschaftung zu überwinden, in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts zurückgeworfen zu sein. Es steht zu befürchten, dass wieder ganz von vorne angefangen werden muss: mit der Kritik Feuerbachs, der Religion in der Notdurft, dem Abstieg Gottes in die Ware und - was die Linke betrifft - in die Partei. Daraus folgend die Betrachtung der eigenen Gesellschaftlichkeit in Bildern anstatt ihrer selbsttätiger Aneignung; somit die Emanzipation der Menschheit von allen von ihr geschaffenen und sie beherrschenden Formen der Vergesellschaftung - call it communism, if you like.

Dieser erneute Anlauf wird nicht umhin kommen, sich den ganzen Reichtum der bisher gescheiterten Versuche kritisch anzueignen, um nicht hinter das bereits Gewusste zurückfallen zu müssen. Die folgenden Passagen mögen als Ermunterung gelesen werden, in diesem Sinne mit der Situationistischen Internationale zu verfahren, einer Assoziation, die, wenn ihre Vorläuferin, die Lettristischen Internationale hinzugenommen wird, von 1952-72 wirkte. In "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" von Karl Marx fand die S.I. ihren Namen, denn zu ihrer Zeit, war die Bezeichnung "Kommunisten" von den Staaten beschlagnahmt, die die historische Niederlage des revolutionären Projektes in den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts als ihren Sieg verkauften.

"Proletarische Revolutionen ... kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich ihre Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer erste Versuche, scheinen ihren Gegner niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhaft ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: hic Rhodus, hic salta." (1)

Es soll hier weniger darum gehen, die S.I. für das zu kritisieren, was sie nicht geleistet hat, ihre offensichtlichen Leerstellen beim Geschlechterverhältnis oder bei den Resultaten deutscher Vergesellschaftung wären hier vordringlich zu nennen, sondern eine Auseinandersetzung mit dem, was sie zu ihrer Zeit getan und gewusst haben, zu ermöglichen. Daraus erklärt sich der notwendig lange Vorlauf, soll die S.I. doch gerade nicht als die bequeme und schillernde Alternative zur Auseinandersetzung mit den deutschen Verhältnissen herhalten, sondern vielmehr zu diesen Stand der Auseinandersetzung hinzutreten und den Blick erweitern helfen.

"Die Kohärenz dieser Gesellschaft kann nicht verstanden werden ohne eine totale Kritik, die durch das umgekehrte Projekt der befreiten Kreativität, der Herrschaft aller Menschen über ihre eigene Geschichte auf sämtlichen Ebenen erhellt wird. Dies ist die in Taten umgesetzte Forderung aller proletarischen Revolutionen, eine Forderung, die bisher stets besiegt wurde von den Spezialisten der Macht, die die Revolutionen übernehmen und sie zu ihrem Privatbesitz machen. Wenn man heute dieses Projekt und diese Kritik, die untrennbar sind (da jeder Begriff den anderen erhellt), wiederaufnimmt, ( ... ) ist es zuerst notwendig, die Niederlage des gesamten revolutionären Projekts im ersten Drittel unseres Jahrhunderts in ihrem ganzen Ausmaß und ohne irgendeine tröstende Illusion zu erkennen sowie ebenso seine offizielle Ersetzung in jeder Region der Welt wie auch in allen Bereichen durch einen verlogenen Schund, der die alte Ordnung nur verdeckt und ausstattet. Die Herrschaft des bürokratischen Staatskapitalismus über die Arbeiter ist das Gegenteil vom Sozialismus: dieser Wahrheit hat der Trotzkismus nie ins Gesicht blicken wollen.

Sozialismus gibt es nur dort, wo die Arbeiter selbst unmittelbar die gesamte Gesellschaft verwalten; es gibt ihn weder in Russland noch in China noch anderswo. Die russische und die chinesische Revolution wurden von innen besiegt. (...) Die kommenden Revolutionen stehen vor der schweren Aufgabe, sich selbst zu verstehen. Sie müssen ihre eigene Sprache völlig neu erfinden und sich gegen alle Rekuperationsversuche verteidigen, die man für sie vorbereitet... Für die neue revolutionäre Strömung geht es darum, überall, wo sie auftaucht, damit zu beginnen, die gegenwärtigen Experimente des Protests und die Menschen, die sie tragen, miteinander in Verbindung zu setzen. Es wird darum gehen, die kohärente Basis ihres Projekts gleichzeitig mit diesen Gruppen zu vereinigen. Die ersten Gesten der einsetzenden revolutionären Epoche konzentrieren in sich einen neuen - offenen oder verborgenen - Inhalt der Kritik an den gegenwärtigen Gesellschaften sowie neue Kampfformen; wie Gespenster erscheinen in ihnen auch die unreduzierbaren Augenblicke der gesamten alten, uneingelöst gebliebenen revolutionären Geschichte wieder." (2)

Dies schrieb die Situationistische Internationale im Juli 1965, also drei Jahre bevor ein wilder Generalstreik Frankreich an den Rand einer Revolution treiben, sollte in ihrer Zeitschrift Revue Internationale Situationniste. Ihr Projekt von scheinbaren "Seiteneinsteigern", die modernen Avantgarden beerbend und sie zugleich hinter sich lassend, entwendete eine ganze Reihen von Praktiken, um sie für "Kartographierung des proletarischen Bewusstseins" anzuwenden: detournement, derive, psychogeographie - Begriffe, die sich seit der gefahrlosen Wiederentdeckung der S.I. durch WerberInnen, ArchitektInnen und KünstlerInnen einer gewissen Konjunktur erfreuen. Dabei hatte die S.I. immerhin schon die mögliche Beschlagnahme ihrer Vorschläge durch das Bestehende mitgedacht, sollten diese isoliert vom zentralen Projekt, dem Überwinden der menschlichen Vorgeschichte, zur Anwendung kommen. Dieses Bewusstsein war es, was sie zur Beschleunigung ihrer Tätigkeiten in einem vollständig neu zu erforschenden Terrain antrieb. Denn die S.I. verstand sich nicht als Avantgarde sondern als verlorener Haufen (‚les enfants perdues'), der hinter den feindlichen Linien, von den eigenen Truppen abgeschnitten, auf sich selbst verwiesen war und sich vollständig neu orientieren musste. Um die Schwierigkeit des Unterfangens wissend konstatierte man illusionslos:

"Wenn es etwas lächerliches daran gibt, von der Revolution zu sprechen, dann natürlich deshalb, weil die organisierte revolutionäre Bewegung aus den modernen Ländern, (...) seit langem verschwunden ist. Noch viel lächerlicher ist aber alles andere, denn es handelt sich um das Bestehende und um die verschiedenen Formen seiner Duldung. (...) Die Revolution ist aufs neue zu erfinden - das ist alles." (3)

Ob dies möglich sein kann hängt mit davon ab, wie nüchtern und illusionslos der Blick auf die negativ über das Kapital hervorgetriebenen Möglichkeiten, und ihrer elenden Nutzung unter der Herrschaft des gesellschaftlichen Zwangszusammenhangs sind.

"Folgt man der Wirklichkeit, die sich zur Zeit andeutet, kann man diejenigen als Proletarier betrachten, die keine Möglichkeit haben, die gesellschaftliche Raum-Zeit zu verändern, die ihnen die Gesellschaft ihnen zum Konsum zuteilt (auf den verschiedenen Stufen des erlaubten Überflusses und Aufstiegs). Die Herrschenden sind jene, die diese Raum-Zeit organisieren bzw. Spielraum genug für eine persönliche Wahl haben (...). Revolutionär ist eine Bewegung, die die Organisation dieser Raum-Zeit sowie die künftigen Entscheidungsformen ihrer permanenten Neuorganisation radikal umgestaltet (und nicht eine Bewegung, die nur die Rechtsform des Eigentums oder die soziale Herkunft der Herrschenden verändert)." (4)

Defetischisierende Kritik hat hier vor allem zu konstatieren, dass die scheinbar Mächtigen den von ihnen mit hervorgetriebenen Prozessen letztlich machtlos gegenüberstehen, es somit keine andere Hoffnung auf Abwendung des katastrofalen Weitermachens gibt, als die Aneignung der Welt durch jene immer wieder neu Hergestellten, die keine Macht über den Gebrauch ihres Lebens haben und die dies auch wissen.

"Die Gesellschaft, die alle technischen Mittel besitzt, um die biologischen Grundlagen auf der ganzen Erde anzugreifen, ist ebenso die Gesellschaft, die durch dieselbe getrennte technisch-wissenschaftliche Entwicklung über alle Mittel der Kontrolle und mathematisch unzweifelhafter Vorausberechnung verfügt, um exakt zu bestimmen, mit welchem Vorsprung vor welcher Auflösung des menschlichen Milieus - und zu welchem Zeitpunkt, je nachdem, ob eine optimale Fortführung möglich ist oder nicht - das Wachstum der entäußerten Produktivkräfte der Klassengesellschaft ihr Ziel erreichen kann.

Ob es sich um die chemische Verseuchung der Atemluft oder um die Verfälschung von Lebensmitteln handelt, um die nicht rückgängig zu machende Akkumulierung der Radioaktivität durch die industrielle Nutzung nuklearer Energie oder um die Verschlechterung der Regenerationsfähigkeit des Wasserkreislaufs vom Grundwasser zu den Ozeanen, um die urbanistische Lepra, die sich immer weiter an der Stelle dessen ausbreitet, was einst Stadt und Land waren, oder um die "Bevölkerungsexplosion", die Zunahme der Selbstmorde und der Geisteskrankheiten oder die Schwelle, der sich die Gesundheitsgefährdung durch Lärm nähert, überall zeigen partiellen Erkenntnisse der entsprechend der den Umständen mehr oder weniger drängenden und mehr oder weniger tödlichen Unmöglichkeit, noch weiterzugehen, als spezialisierte wissenschaftliche Schlussfolgerungen, die einfach nur nebeneinander gestellt bleiben, ein Bild des allgemeinen Verfalls und der allgemeinen Ohnmacht.

Diese klägliche Aufnahme der Karte des Territoriums der Entfremdung kurz vor seinem Untergang wird natürlich in der selben Weise vorgenommen, in der das Territorium selbst errichtet wurde: nach getrennten Sektoren. Ohne Zweifelmüssen diese Kenntnisse des Stückweisen aufgrund des unglücklichen Zusammentreffens all ihrer Beobachtungen notgedrungen wissen, dass jede wirksame und kurzfristige Modifizierung in einem bestimmten Punkt Rückwirkungen auf die Totalität der im Spiel befindlichen Kräfte hat und in der Folge zu einem entscheidenden Verlust führen kann. Eine solche Wissenschaft, wie sie der Produktionsweise und den von ihr produzierten Aporien des Denkens dient, kann sich jedoch keine wirkliche Umkehrung des Laufs der Dinge vorstellen. Sie kann nicht strategisch denken, was im Übrigen niemand von ihr verlangt; und sie besitzt auch nicht die praktischen Mittel zur Intervention. Sie kann daher lediglich den Fristablauf diskutieren, und die besten Linderungsmittel, die, würden sie streng angewandt, diesen Fristablauf verzögern würden. Diese Wissenschaft zeigt so auf höchst karikaturenhafte Weise die Nutzlosigkeit des unbrauchbaren Denkens und die Nichtigkeit des nicht dialektischen Denkens in einer Epoche, die von der Bewegung der geschichtlichen Zeit davongetragen wird.

Das alte Schlagwort "Revolution oder Tod" ist daher nicht mehr der lyrische Ausdruck des revoltierenden Bewusstseins, sondern das letzte Wort des wissenschaftlichen Denkens unseres Jahrhunderts. Aber dieses Wort kann nur von anderen gesagt werden; und nicht von diesem alten Denken der Ware, das die ungenügend rationalen Grundlagen seiner Entwicklung in dem Moment enthüllt, wo sich alle Anwendungsweisen in der Macht der sozialen Praxis entfalten, die vollständig irrational ist. Das Denken der Trennung ist es, das unsere materielle Beherrschung nur auf den methodologischen Wegen der Trennung vergrößern konnte, und das am Ende diese vollendete Trennung in der Gesellschaft des Spektakels und in ihrer Selbstzerstörung findet." (5)

Oder, um es mit einem zu sagen, der den rettenden Eingriff als ersten souveränen Akt der Menschheit beschrieb, indem er Marxens Ausspruch, die Revolutionen seien die Lokomotiven der Menschheitsgeschichte, entgegenhielt, vielleicht seien Revolutionen vielmehr der Griff der in dem Zug dahinrasenden Menschheit nach der Notbremse: "Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es 'so weiter' geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.... - : die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde - sondern dieses Leben hier." (6)

Und Marx' Antwort aus der Vergangenheit an Walter Benjamin hätte wohl so gelautet: "Sie werden nicht sagen, ich hielte die Welt zu hoch, und wenn ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt." (7)

 

Fußnoten:

(1) Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Band 8, "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte", S. 118, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1972

(2) Situationistische Internationale: Adresse an die Revolutionäre Algeriens und aller Länder. Juli 1965, dt. in: Der Beginn einer Epoche, Hamburg 1995, S. 185

(3) S.I. Nr. 6, August 1961

(4) Herrschaft über die Natur, Ideologien und Klassen, dt. in: Der Beginn einer Epoche, Hamburg 1995, S.160

(5) Plakattext unbekannter Herkunft

(6) Walter Benjamin, Das Passagenwerk: "Theorie des Fortschritts"

(7) Zitiert von Guy Debord in: Gegen den Film, Hamburg 1979, S.109

Justine W. Eaerthmiller & Ulla Pitcher