Peter Schulz
Lust auf Disziplin
Polizei als Reproduktionsort autoritärer Charaktere
Insbesondere Angehörige marginalisierter Gruppen, aber auch reisende Fußballfans oder Menschen, die sich politisch im Rahmen von Demonstrationen und Kundgebungen engagieren, wissen, dass die Polizei einerseits durch das Gesetz mit einem Spektrum an Gewaltoptionen ausgestattet und ihr Einsatz unter bestimmten Bedingungen sanktioniert ist, dass aber andererseits dort, wo das Gesetz endet polizeiliche Gewalt nicht endet und die Polizei immer wieder zu nicht legal gedeckten Handlungen greift. Im Wesentlichen gibt es auf diese nicht legale Polizeigewalt drei gesellschaftliche Reaktionen: Von rechts (und wenn es die richtigen trifft auch manchmal von links) ein »Gut so«, aus der Mitte das Bedauern tragischer Einzelfälle und von links der Ruf nach Polizeireformen, die neben der Verbesserung von Beschwerdemöglichkeiten über und Strafverfolgung von Polizist:innen im Kern häufig eine Reform der Ausbildung verlangen. Die Grüne Jugend forderte 2021 etwa: »Die Grundsteine dafür müssen bereits in einer völlig neu ausgerichteten Ausbildung gelegt werden. Kommunikationskompetenzen, ein deeskalativer Umgang mit Konfliktsituationen und diskriminierungsfreie Polizeiarbeit müssen deutlich mehr Raum erhalten.« Die Idee hinter solchen Reklamationen ist vermutlich, dass Polizist:innen in ihrer Berufspraxis das tun, was sie in ihrer Ausbildung beigebracht bekommen – und im Umkehrschluss nicht-legales polizeiliches Handeln derzeit darauf zurückzuführen sei, dass der Polizeiapparat ihnen durch die derzeitige Form der Ausbildung vermittelt, ihr Handeln wäre, wenn schon nicht legal, so doch in den Augen der Organisation legitim –, oder aber, dass den Polizist:innen schlicht das notwendige Wissen und die Kompetenzen fehlen, oder schließlich, dass sie nicht hinreichend erzogen wurden, sie also aus den Wertorientierungen ihrer Herkunftsmilieus heraus agieren. Weiter…