Die Zerstörung der Erde infolge der totalen Wertabschöpfung entzieht der gesellschaftlichen Reproduktion zusehends jede stoffliche Grundlage. Ideologische Ausweichmanöver verschleiern die klimabedingte Krise der Gegenwart, ihre Heilserwartungen zielen auf eine Reproduktion ohne Erde ab: Seit Jahrzehnten treiben globale Tech-Eliten die Idee einer möglichen Marsbesiedlung voran. Sie hat die alten Mondprojekte abgelöst, die im Kalten Krieg mit den kolonialen Expansionsfantasien nationaler Großmächte verknüpft waren.
Vorstellungen vom Leben auf anderen Planeten sind ebenso Teil einer zuletzt in Bong Joon-hos Film Mickey 17 aufgegriffenen Genrekultur, überformt von popkulturellen Zukunftsvisionen, Technofantasien, Fluchtimpulsen und Erlösungssehnsüchten. Wo die Soziologie der Gegenwart sich mit der Erhebung des empirischen Elends zufrieden geben muss, legte die Science Fiction des letzten Jahrhunderts erste Entwürfe davon vor. Das Motiv des Marsfluges findet sich in den Kurzgeschichten von Philip K. Dick ebenso wie in den spekulativen Erzählungen von E. Parnow und M. Jemstew und Reinhard Jirgls Roman Nichts von euch auf Erden. Ihre Protagonisten, allesamt interplanetare Auswanderer, haben Relikte von ihren Reisen in Schuhkartons, digitalen Archiven oder virtuellen Höhlen aufbewahrt. Mit dem Zeitstempel der Gegenwart versehen, lösen diese Überbleibsel Erinnerungen an Fernreisen aus, die nicht aus freien Stücken geschahen. Vor ihrer Abreise verdingten sich die interplanetaren Auswanderer als Wissenschaftler in staatlichen Raumfahrtprogrammen oder als arbeitende Arme, die sich auf dem Mars ein besseres Leben erhofften. In Philip K. Dicks Der unmögliche Planet beginnen sie etwa mit dem Blick auf die zerstörte Erdoberfläche. Die Reise in die Vergangenheit der Erde dient als Ausgangspunkt für spekulative Entwürfe dessen, was uns nach ihrem Ende am Mars erwartet haben wird.
Der unmögliche Planet – Rückschau auf die zerstörte Erdoberfläche
In Philip K. Dicks Erzählung Der unmögliche Planet haben die Menschen die Erde bereits vor Jahrhunderten verlassen. »KOMMERZIELLE AKTIVITÄTEN HABEN PLANETEN GEPLÜNDERT«Philip K. Dick, Der unmögliche Planet, in: Sascha Mamczak (Hrsg.), Der unmögliche Planet, München 2002, 246. , heißt es lapidar in einer kurzen Notiz. Der Aufbruch in eine fremde Galaxie kündigt sich nicht länger an, er erscheint als äußerste Notwendigkeit. Während eines Anflugmanövers zeigt sich von der Erde nichts als Verwüstung: »Sie [die beiden Raumfahrer; Anm. B.E.] näherten sich den Überresten eines Ozeans. Dunkles, ungesundes Wasser schwappte unter ihnen, ein unermessliches Meer, mit einer Kruste aus Salz und Dreck überzogen, dessen Ränder in Ufern aus aufgehäuftem Schutt verschwanden«.Ebd., 245.
Der dystopisch anmutende Zustand der Erde schreckt die rund 350 Jahre alte Irma Gordon dennoch nicht davon ab, sie ein letztes Mal zu besuchen. Jahrhunderte nach dem interplanetaren Exodus wird sie immer wieder von quälendem Heimweh geplagt. Captain Andrews und sein Assistent Norton vermuten, dass sie auf einem der alten Sub-C-Schiffe von Siedler:innen im sogenannten Riga-System als Tochter eines Erdlings geboren wurde und damit zu deren letzten Nachfahren zählt: »Sie hat sich ihr Leben lang gewünscht, die Erde zu betreten. Sie erinnert sich, wie ihr Großvater ihr davon erzählte. Sie glaubt, daß er vor langer Zeit von der Erde gekommen ist. Sie ist sehr alt. Sie ist das letzte lebende Mitglied ihrer Familie«.Ebd., 248.
Bei der Ortung der Erde gibt es anfangs Probleme mit der Informationseinheit an Bord, da diese über keinerlei Daten mehr über sie verfügt. Nach und nach kann der vormals Blaue Planet über das Navigationssystem doch noch identifiziert werden. Die Oberfläche wirkt deprimierend, der Zustand ist der nach einem verheerenden Krieg. Dennoch ist Irma Gordon dazu bereit, für diesen Anblick zu bezahlen. Nachdem ein Roboter sie kurz nach der Landung im Meer bestattet, findet einer der beiden Raumfahrtkapitäne eine Metallscheibe mit der Aufschrift »E pluribus unum«Ebd. 251. Der entsorgte Spruch ist ebenso Teil des offiziellen Dienstsiegels vieler US-amerikanischer Beamter. Damit bleibt die Botschaft bis zum Ende paradox. und wirft sie in den Müllschlucker an Bord. Einen momentlang ruft der Schriftzug in Erinnerung, dass die Erde vor Jahrhunderten noch zu retten gewesen wäre. Die umsichtige Sorge ums Ganze – »Aus Vielen Eines« – hätte zu ihrem Erhalt beitragen können. Dafür ist es jedoch zu spät.
»Close your eyes and go sheep« – Mars-Missionen als Mind-Trips
»Er wachte auf – und wollte den Mars«Philip K. Dick, Erinnerungen en gros, in: Sascha Mamczak (Hrsg.), Der unmögliche Planet, München 2002, 582. . Mit diesem Satz beginnt Philip K. Dicks im April 1966 im Magazin Fantasy und Science Fiction erschienene Kurzgeschichte We Can Remember It for You Wholesale. Der Wunsch nach Weltflucht des baustellengeplagten Wanderarbeiters Douglas Quail nimmt darin Gestalt an. Dieser ist von der Idee besessen, den Mars zu besuchen, kann sich eine Reise dorthin jedoch nicht leisten. Deshalb konsultiert er das Unternehmen Entsinn AG, welches Geschäfte mit Fantasiereisen macht. Den Kunden des Konzerns werden gegen Geld falsche Erinnerungen eingepflanzt, die ex post von den realen nicht mehr zu unterscheiden sind. Materielle Beweise dafür liefert die Entsinn AG im Nachhinein – als Postkarte, Reiseticket oder anders geartete Manifestation von mnemotechnischen Nippes.
Im Deutschen trägt Dicks Erzählung den Titel Erinnerungen en gros und spielt auf den kommerziell betriebenen Großhandel mit Imaginationen an. Alternativ zum Mars stünden Quail bei der Entsinn AG Reisen zum Saturn, zur Venus oder durch die Breitengrade des eigenen Unbewussten zur Auswahl – mitsamt ihrer nachhaltigen Verankerung im Gedächtnis. Im Labor der Entsinn AG beginnt Quail jedoch von seinen bisherigen Erfahrungen am Roten Planeten zu erzählen, die bevorstehende Reise zum Mars fände demnach nicht zu ersten Mal statt. Quails Erinnerungen bleiben vage, sind im Gedächtnis aber noch präsent genug, um Überlagerungen durch einen erneuten Trip unmöglich zu machen. Quail vermutet, dass die US-Regierung die Löschung seiner Mars-Erinnerungen bereits vor Jahren in Auftrag gegeben habe, dieses Vorhaben aber nicht den erwünschten Erfolg gezeitigt hat. Sein mentaler Speicher erweist sich als konsistent genug, um Vergangenes zu bewahren: Bis zuletzt bleibt Quail davon überzeugt, den Mars schon einmal besucht zu haben.
Im weiteren Verlauf der Erzählung versuchen zwei Regierungsbeamte Quail immer wieder zu liquidieren, um mit dem Tod auch seine Erinnerungen auszulöschen. Er selbst glaubt, einen Sender im Kopf zu haben, durch den sein Denken gesteuert werden kann. Über das Implantat im Gehirn beantragt er die Löschung seiner Erinnerungen und begründet dies damit, dass sie ihm bloß eingepflanzt worden wären. Die dafür zuständigen Beamten willigen ein, als sie realisieren, dass er den USA vor Jahren einen großen Dienst am Mars erwiesen hat. Er soll nun endlich in Ruhe gelassen werden – indem man ihm gute Erinnerungen verpasst. Im Auftrag der US-Regierung erhält Quail ein Paket mit Gegenständen, die beweisen sollen, dass er am Mars war – darunter auch ein täuschend echtes Schreiben in Alienschrift.Quails Freundin bemerkt dazu: »›Ein Schrieb‹, sagte Shirley, ›in einer komischen Sprache‹. ›Der erklärt, wer sie waren‹, sagte McClane, ›und wo sie hergekommen sind. Einschließlich einer detaillierten Sternkarte, worin ihre Flugroute hier und ihr Herkunftssystem eingezeichnet sind. Natürlich ist alles in ihrer Schrift, so daß er es nicht lesen kann. Aber er erinnert sich, daß sie es ihm in seiner eigenen Sprache vorgelegt haben‹« (Ebd., 610f).
Quail hat seine eigenen Souvenirs vom Mars in einer Schachtel aufbewahrt. Marsianische Madenwürmer und vertrocknete Pflanzen befinden sich darin, nebst einem Dankesschreiben der Marsianer in menschenlesbarer Schrift und einem Zauberstab mit entleerter Batterie – wertlos wirkende Dinge, die am Mars noch »fantastisch funktioniert«Ebd, 610. hätten. Das Sammelsurium erinnert Quail – anders als der Regierungsbeamte McClane es ihm nahe legen will – an das Zusammenleben mit Aliens. Das Original der Alienschrift dient ihm als Andenken daran.
Dem Mars nahe, der Erde fern – Sozialdarwinistische Pläne einer Wiederbesiedelung
Bekanntermaßen ist es noch niemandem gelungen, Schafe am Roten Planeten zu scheren. Philip K. Dicks Protagonist Quail könnte dahingehend der erste gewesen sein. Nicht anders als auf der Erde bleibt dieser Job auch am Mars kein Leichter: Die Arbeit ist hart, der Lohn karg und die Empathie mit den Tieren aufgrund des hohen Zeitdrucks beim Scheren gering. Als Arbeiter am extraterrestrischen Aufbau ist Quail für diese Tätigkeit prädisponiert. Seiner Erzählung geht eine Kurzgeschichte von 1953 mit dem Titel Projekt: Erde voraus, in der eine dafür besonders geeignete Menschen-»Spezies« herangezüchtet wird. Krieg, Bergbau und die Alterserscheinungen des Blauen Planeten haben das dortige Leben unmöglich gemacht.
In Projekt: Erde arbeitet Edward Billings an der Entwicklung von Lebewesen, die den menschenfeindlichen Bedingungen auf der Erde erneut gewachsen sein könnten, von einem Jungen aus der Nachbarschaft wird er dabei heimlich beobachtet. Die ameisengroßen Probanden für das sogenannte »Projekt C« entstehen nicht in einem staatsnahen Labor, sondern im privaten Käfig. Thommy, der Junge vom Nebenan, erzählt die Geschichte seines Scheiterns; »Projekt A« und »Projekt B« sind ihm vorausgegangen. Bei Ersterem wurden die Lebewesen im Käfig ihrer Scham wegen in Kleider gehüllt, »Projekt B« sah bereits die komplette Elimination ihrer individuellen Eigenschaften vor. »Projekt C« nimmt nun eine Fokussierung auf kollektive Ziele und Handlungsorientierungen der menschenartigen Winzlinge vor.Philip K. Dick, Projekt Erde, in: Sascha Mamczak (Hrsg.), Der unmögliche Planet, München 2002, 203: »Wir entfernten die Flügel, wie ich bereits sagte. Die allgemeine Physiognomie blieb dieselbe. Zwar wurde die Kontrolle für kurze Zeit aufrechterhalten, doch auch dieser zweite Typ wich vom Plan ab und zersplitterte in selbstbestimmte Gruppen, die wir nicht beaufsichtigen konnten. Es besteht kein Zweifel daran, daß überlebende Exemplare des ursprünglichen Typs A an ihrer Beeinflussung beteiligt waren.« Hinter den Plänen zu ihrer Verhaltensmodifikation vermutet Tommy anfangs noch eine Direktive aus MoskauEbd., 193. Dort heißt es: »›Er ist eine Art kommunistischer Agent‹, sagte Joan. ›Er zeichnet Karten von der Stadt, damit er Bomben zünden kann, wenn Moskau den Befehl dazu gibt‹.« , was sich bald als unzutreffend herausstellt. Am Ende erweisen sich die neun Menschen nur bedingt als konditionierbar: Sie laufen weg oder verstecken sich – noch bevor die Rückkehr auf die Erde hätte beginnen können.
Andere von Nebenan – Nahkommunikation mit Marsianern
Der Realhorror einer Rückkehr vom Mars steht dem Erzähler aus Reinhard Jirgls Nichts von euch auf Erden zu Beginn des Romans noch bevor. Die Erde zeigt sich diesem als von einem Glasfaserflechtwerk umgeben, das die permanente Illusion orangeroter Abendstimmung erzeugt. Sogenannte Imagosphären verbinden die ansonsten strikt voneinander getrennten Kontinente, sie fungieren als technische Interfaces zwischen den Erdteilen. Schnittstellen dieser Art gewährleisten die letztmöglichen Existenzformen im Zeitalter der »dritten Natur«, in dem Mensch-Maschinen sich mittels alphanumerischer Codes verständigen. Demnach trägt Jirgls Erzähler, der im 25. Jahrhundert vom Mars auf die Erde zurückkehrt, auch den Namen BOSXRKBN 18-15-9-14-8-1-18-4. Unter der Glückshaube seines Konsolenfensters regt sich die nackte Angst – als letztmögliche Emotion inmitten eines gepanzerten und vollends von sich entfremdeten Selbst: »doch spüre ich diesen Schwall nur im Inneren des Körpers, nicht auf der Haut. Die fühlt sich taub an, abgestorben, nimmt keinerlei Temperaturen wahr, als sei ich verpackt in einem Panzer aus Horn. In die Wohligkeit springt Angst: ?!Was ist mit mir – ?Wieso spüre ich Nicht auf meiner Haut – Ich will hier !raus.«Reinhard Jirgl, Nichts von euch auf Erden, Frankfurt/Main 2014, 364.
Nicht Angst, sondern Verwandtschaftsgefühle bestimmen den Erstkontakt zwischen Erdbewohnern und Marisanern in E. Parnows und M. Jemstews von Mirra Ginsburg aus dem Russischen ins Englische und von Birgit Reß-Bohusch ins Deutsche übersetzter Sci-Fi-Story Das letzte Tor nach Aya. Der mit Wasservorräten ausgestattete Rote Planet firmiert darin nicht als Ersatzprojektion für die verwüstete Erde, stattdessen dient ein irdischer Spiegel als Eingangspforte dorthin. Der Weg zu den Marsianern beginnt mitten in der ukrainischen Stadt Musikowka. Dort liegt »das einzige unverschlossene Tor nach Aya. Es hat sich, wie du siehst, hier auf der Erde, in Musikowka, geöffnet. Rogozins Marsianer hatte keine Zeit gefunden, es zu verschließen. Und so stand es fünf Millionen Jahre weit offen.«Michail Jemzew /Jeremej Parnow, Das letzte Tor nach Aya, in: Mirra Ginsburg (Hrsg.), Draußen im Weltraum, München 1979, 87.
Auf Aya stieß der Geologe Sascha Jegorow während seinen Forschungen zu den Acqua-Plateaus der Marsianer. Er entdeckte eine unterirdische Anlage und vermutete dort ein thermonukleares Energiezentrum. Erfindungen dieser Art gibt es im ukrainischen Musikowa nicht, ihre Vor- und Nachteile hebt Jegorow unzweideutig hervor: »Die Marsianer, die ihre Städte unterirdisch angelegt hatten, benutzten die Oberfläche ihres Planeten ebenso, wie wir früher die oberen Atmosphäreschichten und den Grund der Meere benutzten. Sie warfen allen möglichen Abfall nach oben.«Ebd., 69.
Neben einer Vorliebe für elliptische Formen verfügen Jegorows Marsianer auch über Bibliotheken und andere Informationssysteme.Vgl. 71. Ihre Denkweise unterscheide sich von der menschlichen vor allem dadurch, dass ihr Wesen erst in Bewegung entsteht – physische Konstanz bilde sich erst infolge davon heraus und nicht etwa umgekehrt. In E. Parnows und M. Jemstews Science Fiction gibt es weder Zeitenwenden noch Aufbrüche. Die Marsianer befinden sich, so die Vermutung, gleich nebenan, wenngleich auch unterirdisch lebend. Sie sind keine Angehörigen einer feindlichen Zivilisation, sondern freundliche Verwandte, die den Erdlingen in einigen Dingen sogar voraus sein könnten.
Fazit: Mars-Imaginationen in Phantasien vom Danach
Der großspurigen Rhetorik von Elon Musk zufolge, aber auch in Sci-Fi-Filmen wie Red Planet, erscheint das Ausweichen auf einen wasserreichen Nachbarplaneten als realistische Alternative zum Leben auf der Erde. Der Exodus hin zu einem Unort, der erst durch Megatechnologien an menschliche Lebensbedürfnisse angepasst werden muss, gilt als möglich, weil er technisch machbar sei – so lautet jedenfalls das Credo der Tech-Milliardäre. Mit dem Projekt Mars One eilt die Realität auch den extraterrestrischen Trips der fantastischen Literatur voraus: Eine Gruppe von »Freiwilligen« soll bereits im Jahr 2031 mit der Kolonisierung des Mars beginnen, darunter Erwerbslose aus Deutschland ebenso wie internationale Weltraum-Freaks. Die Organisatoren der bemannten Mission setzen dabei auf die vermeintliche Effizienz von One-Way-Tickets.Zum Projekt Mars One exemplarisch https://t1p.de/ggvd2.
Anders verhält es sich in den marszentrierten Science Fiction-Erzählungen von Philip K. Dick, die mit dem Ende aller Marsbesiedelungen beginnen. In Projekt: Erde wirkt der Blick von oben auf die miniaturisierten Menschen, die in Käfigen herangezogen und konditioniert werden, bereits wie der vom Outer Space auf die Erde. Nicht der Exodus, sondern die menschenverachtenden Experimente im Vorfeld ihrer Wiederbesiedelung stehen im Zentrum der Erzählung. In seiner Version der mehrfach verfilmten Erzählung We Can Remember It for You Wholesale räumt Philip K. Dick dahingehend noch dem spekulativen Element den Vorzug ein: Obwohl Marsreisen in den 1960er Jahren technisch unmöglich waren, hat er seinen Protagonisten auf eine solche geschickt. Danach wird der Staat zum Feind in Quails Gehirn – und zugleich zum Manipulator seiner Erinnerungen: Quails Memoiren an das Zusammenleben mit Aliens sollen zum Verschwinden gebracht werden. Am Zenit des Kalten Krieges ist dieser Interspezies-Austausch mit (nationalen) Auflösungsphantasien und dem drohenden Verlust eigener Überlegenheitsansprüche verbunden. In Parnows und M. Jemstews protosowjetischer Erzählung Das letzte Tor nach Aya herrscht dahingehend eine Nahbeziehung vor: Die Marsianer wirken wie Verwandte aus vermeintlichen »Bruderländern«, das Tor zu ihnen befindet sich in einer ukrainischen Stadt.
Bis zuletzt bleibt unklar, ob Philip K. Dicks Protagonist Quail im Labor der US-amerikanischen Entsinn AG erinnert, träumt, schläft oder halluziniert. Die Frage nach der Differenzierung zwischen Traum, Realität und technologisch erzeugter Halluzination ist ein wiederkehrendes Motiv: So ist Do Androids dream of electric sheepIm Original 1968 erschienen, auf Deutsch: Philip K. Dick, Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, Zürich 1997. der Titel des Romans von Philip K. Dick, auf dem der Film Bladerunner basiert. Diese Frage ist Bestandteil des im Film angewandten Turing-Tests: Damit soll beurteilt werden, ob es sich bei einem Gegenüber um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Die Frage selbst hat nahezu rhetorischen Charakter: Androiden können nicht träumen, denn als Maschinen benötigen sie keinen Schlaf. Die Aufforderung »Go Sheep!««Go sheep» ist eine umgangssprachliche Aufforderung zum Schlafengehen. Offenbar kann sie selbst einen Androiden zu wundersamen Träumen veranlassen – dies legt Dicks Erzählung jedenfalls nahe. wäre für sie nicht mehr als ein sinnwidriger Befehl, der einem Programmierfehler gleichkommt: Maschinen träumen nicht von Schafen, weil sie weder schlafen noch träumen. Im Labor eines mnemotechnischen Großhändlers wird der Mars-Rückkehrer Quail zum biopolitisch optimierten Androiden, der das Träumen wieder erlernen muss.
Mit Nichts von euch auf Erden veröffentlichte Reinhard Jirgl zu Beginn dieses Jahrhunderts den Paraderoman eines Mars-Rückkehrers, der die von Halluzinationselektronik überzogene Erde nicht mehr wiedererkennen kann. Der Mars selbst erscheint darin als totalitäre, technokratische Dystopie, in der Menschen nur unter Bedingungen der totalen Überwachung existieren. Das Zusammenleben ist durch permanente Kontrolle, erzwungene Anpassung und Entmenschlichung bestimmt – eine Welt, in der Individualität nicht nur unterdrückt ist, sondern als existenzielle Bedrohung gilt und durch Zwangsarbeit sanktioniert wird – mit dem Ziel der vollkommenen Auslöschung. Bong Joon-hos Film Mickey 17 greift diese Logik auf und treibt sie ins Groteske: Der Protagonist ist ein »Entbehrlicher«, ein Mensch, der für riskante Missionen geklont und nach jedem Tod ersetzt wird – samt Erinnerungsspeicher. Die Marsgesellschaft, in der er lebt, ist bestimmt von kalter Zweckrationalität, Menschenleben dienen ihr als bloße Ressource für menschenunwürdige Versuche. Die Marsbesiedelungsphantasien eines Elon Musk sind davon nicht fundamental verschieden. Was hier als Science-Fiction auftritt, ist in Wahrheit eine Zuspitzung der Verhältnisse, entworfen von US-amerikanischen Technokraten. Den Roten Planeten imaginieren sie nicht als Utopie, sondern als Endlager alles Menschlichen.
Barbara Eder
Die Autorin ist freie Autorin und lebt in Wien. Derzeit arbeitet sie an dem Sachbuch Baupläne von Paradiesen. Über Apparate im Verfall. 2023 erschien von ihr Das Denken der Maschine im Mandelbaum-Verlag.