Lust auf Disziplin

Polizei als Reproduktionsort autoritärer Charaktere

Insbesondere Angehörige marginalisierter Gruppen, aber auch reisende Fußballfans oder Menschen, die sich politisch im Rahmen von Demonstrationen und Kundgebungen engagieren, wissen, dass die Polizei einerseits durch das Gesetz mit einem Spektrum an Gewaltoptionen ausgestattet und ihr Einsatz unter bestimmten Bedingungen sanktioniert ist, dass aber andererseits dort, wo das Gesetz endet polizeiliche Gewalt nicht endet und die Polizei immer wieder zu nicht legal gedeckten Handlungen greift. Im Wesentlichen gibt es auf diese nicht legale Polizeigewalt drei gesellschaftliche Reaktionen: Von rechts (und wenn es die richtigen trifft auch manchmal von links) ein »Gut so«, aus der Mitte das Bedauern tragischer Einzelfälle und von links der Ruf nach Polizeireformen, die neben der Verbesserung von Beschwerdemöglichkeiten über und Strafverfolgung von Polizist:innen im Kern häufig eine Reform der Ausbildung verlangen. Die Grüne Jugend forderte 2021 etwa: »Die Grundsteine dafür müssen bereits in einer völlig neu ausgerichteten Ausbildung gelegt werden. Kommunikationskompetenzen, ein deeskalativer Umgang mit Konfliktsituationen und diskriminierungsfreie Polizeiarbeit müssen deutlich mehr Raum erhalten.«https://t1p.de/9efqf. Die Idee hinter solchen Reklamationen ist vermutlich, dass Polizist:innen in ihrer Berufspraxis das tun, was sie in ihrer Ausbildung beigebracht bekommen – und im Umkehrschluss nicht-legales polizeiliches Handeln derzeit darauf zurückzuführen sei, dass der Polizeiapparat ihnen durch die derzeitige Form der Ausbildung vermittelt, ihr Handeln wäre, wenn schon nicht legal, so doch in den Augen der Organisation legitim –, oder aber, dass den Polizist:innen schlicht das notwendige Wissen und die Kompetenzen fehlen, oder schließlich, dass sie nicht hinreichend erzogen wurden, sie also aus den Wertorientierungen ihrer Herkunftsmilieus heraus agieren.

Der schon im Slogan von »Recht und Ordnung« sichtbar werdende Widerspruch, der die Polizeiarbeit prägt, wird dabei ausgeblendet. Denn die Polizei soll einerseits das bürgerliche Recht als Verkehrsform zwischen den Bürger:innen wahren (und dafür ihr Gewaltmonopol nutzen), muss andererseits aber die Herrschaft gegenüber denselben Bürger:innen auch gewaltsam aufrechterhalten (auch dort, wo das Recht die Durchsetzung der Herrschaft nicht mehr sanktioniert). Dennoch lohnt ein Blick auf die drei genannten Annahmen, die hinter der Forderung nach Reformen stehen. Während die Annahme der Legitimität der Gewalt immer wieder plausibel erscheint und die des Unwissens etwas naiv daherkommt, ist insbesondere die dritte Vorstellung interessant. Schließt sie doch an die Theorie des Sozialcharakters an, wie sie vor allem von den Psychoanalytikern Wilhelm Reich und Erich Fromm entworfen und im Anschluss in der Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung weiterentwickelt wurde.

Reich und Fromm entwickelten vor etwa 100 Jahren, ausgehend von dem für die klinische Praxis der Psychoanalyse entwickelten Begriff des Charakters, Stück um Stück das gesellschaftskritische Konzept des autoritären Charakters. Mit ihm beschrieben sie nicht mehr – wie Sigmund Freud es tat – pathologische Fälle, sondern den Normalfall der kapitalistischen Gesellschaft ihrer Zeit. Diese Gesellschaft war davon geprägt, dass die meisten Menschen körperlich anstrengende, disziplinierte Arbeit verrichteten, sich auf geringem Lohnniveau reproduzierten und somit sowohl in der Produktion als auch der Reproduktion von ihnen Triebverzicht, Entsagungen und Gehorsam gefordert war. Reich und Fromm analysierten, dass unter diesen Bedingungen eine psychische Struktur funktional wurde, die diese Entsagungen positiv besetzte und zugleich als Ausgleich Formen sogenannter sadistischer Ersatzlust anbot. Etwa in der Abwertung und der körperlichen Gewalt gegen Schwächere. Der autoritäre Charakter ist also eine psychische Struktur, die (masochistische) Unterwerfung mit (sadistischer) Aggression verbindet und zugleich – und dies ist zentral bei Fromm – die Anlehnung an eine gesellschaftliche Autorität sucht. Er begründete das, psychoanalytisch gesprochen, damit, dass der autoritäre Charakter nicht nur ein schwaches Ich hat und daher rigide innere Entscheidungsstrukturen benötigt, damit ihn die Wirklichkeit nicht überfordert, sondern auch ein schwaches Über-Ich, und daher die dauerhafte Ausrichtung an einer gegenwärtigen Autorität benötigt. Dazu gehört beispielsweise auch die Beeinflussbarkeit durch Normen der professionellen Ausbildung im Erwachsenenalter.

Eine Verbindung zwischen dem autoritären Charakter und der erfahrenen Polizeigewalt liegt nahe: Die Identifikation mit einer gesellschaftlichen Autorität ist schon durch die Uniform formell repräsentiert und der Beruf als Schutz- oder Bereitschaftspolizist:inDie deutschen Polizeien unterteilen sich in verschiedene Organisationseinheiten, wobei neben einigen kleineren Teilen (wie der Wasserschutzpolizei) die zentrale Unterscheidung die zwischen ziviler Kriminalpolizei einerseits und uniformierter Schutzpolizei und Bereitschaftspolizei andererseits ist. Dieser Artikel konzentriert sich auf letztere Gruppe. ist entsagungsreich und körperlich belastend. Zugleich bietet der Beruf nicht nur legale Wege sadistischer Aggressionsabfuhr, sondern erfordert die Bereitschaft zur Identifikation mit der Gewalt sogar in einem gewissen Maße ebenso wie eine tendenziell rigide Orientierung an Recht und Ordnung.

Zugleich kann man jedoch in Frage stellen, inwiefern die Theorie des autoritären Charakters überhaupt noch aktuell ist, wenn sie in Bezug auf eine kapitalistische Wirklichkeit vor 100 Jahren entwickelt wurde. Und tatsächlich wird in der aktuellen charakterologischen Debatte darum gestritten, ob der autoritäre Charakter noch der dominante Sozialcharakter der Gegenwart ist oder ob an seine Stelle nicht ein stärker (oral)narzisstischer Charakter getreten sei.Diese Debatte ist gut an den einzelnen Beiträgen im Sammelband Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters nachzuvollziehen, der 2020 im Verbrecher Verlag erschienen ist. Im Hintergrund der folgenden empirischen Untersuchung über den Sozialcharakter bei der (Schutz- und Bereitschafts-)Polizei steht die Annahme einer Gleichzeitigkeit verschiedener Sozialcharaktere in der Gegenwart.

 

Der Sozialcharakter der Polizei

Um die Frage nach dem Sozialcharakter bei der Polizei zu beantworten, wäre eine qualitative Studie mit Polizist:innen nötig, die an psychoanalytischen und/oder kritisch-theoretischen Begriffen ausgerichtet ist. Da es eine solche Studie nicht gibt und ein an den Begriffen der kritischen Theorie ausgerichtetes Forschungsprojekt nicht gerade wahrscheinlich, der Zugang zur Polizei für polizeikritische Forschung außerdem höchst unwahrscheinlich ist, muss ich folgend einen anderen Weg gehen: die Verbindung allgemeiner theoretischer Begriffe und Überlegungen (die nicht zuletzt durch alltagsweltliche und wenig erfreuliche eigene Beobachtungen polizeilichen Handelns informiert sind) mit einer Re-Lektüre der Studie Cop Culture – der Alltag des Gewaltmonopols: Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei des Polizeiforschers Rafael Behr, die bereits Ende der 1990er Jahre erschien.

Behr war selbst 15 Jahre lang Polizist bei der Bereitschaftspolizei in Hessen, studierte im Anschluss Soziologie und kehrte für seine Doktorarbeit Mitte der 90er Jahre als teilnehmender Beobachter zur Polizei zurück. Er forschte in einer Polizeiwache ebenso wie in einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) in Frankfurt am Main. Fokus seiner Arbeit sind die Ausdrucksweisen und Folgen von Männlichkeitsvorstellungen bei der Polizei, sowie die Frage, wie diese mit der Alltagskultur bei der Polizei zusammenwirken. Die »BFE ist« für ihn »eine institutionelle Nische für eine harte Männlichkeit«Rafael Behr, Cop Culture – Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei, Wiesbaden 2008, 35. und er diagnostiziert insgesamt einen engen Zusammenhang zwischen Polizei und Männlichkeitsreproduktion.

Der Fokus auf Männlichkeit in seiner Studie ist auch durch die personelle Zusammensetzung bei der Polizei bedingt. Als Behr seine Studie Mitte der 1990er Jahre durchführte, lag der Frauenanteil der deutschen Polizei bei gerade 20 Prozent und Frauen bei der Schutz- und Bereitschaftspolizei waren noch ein vergleichsweise neues Phänomen. Die deutschen Bundesländer begannen Frauen bei der Schutzpolizei ab 1978 (Berlin),beziehungsweise 1990 (Bayern) zu erlauben – und auch heute, Jahrzehnte später, sind nur ein gutes Viertel der Polizist:innen Frauen.

Behrs Arbeit schließt bei seiner Untersuchung von Männlichkeiten an die Studie Der gemachte Mann der australischen Soziologin Raewyn Connell an und bietet sich daher für eine charakterologische Interpretation an. Connell selbst arbeitet zwar nicht charakterologisch, sondern beschreibt Männlichkeiten als dynamisches Relationsgefüge, damit »die Vielfalt an Männlichkeiten nicht zu einer bloßen Charaktertypologie erstarrt, wie man das bei Erich Fromm und seiner ›autoritären Persönlichkeit‹ beobachten konnte«Raewyn Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Wiesbaden 2015, 130.. Sie schließt aber dennoch stark an die Studien zum autoritären Charakter und insbesondere an die psychoanalytischen Arbeiten Reichs an, dessen »Versuch, die ökonomische Analyse des Marxismus und die Freud’sche Sexualwissenschaft zu verbinden« sie als »brilliant[e] Ideologiekritik«Ebd., 63. versteht.

Connell nimmt in ihrer Arbeit einen Wandel der Männlichkeit im zeitgenössischen Kapitalismus in den Blick, den sie auf die Rationalisierung von Arbeitstätigkeiten im Fordismus und Postfordismus sowie die Verdrängung körperlicher Gewalt zurückführt. Ins Zentrum der Männlichkeit rückte so im Fordismus eine Form rationalerer Männlichkeit, die ihre Basis in den Dienstleistungstätigkeiten einer, wie Connell es nennt, neuen Mittelschicht hat, also bei Angestellten und Beamten vorzufinden ist.

Diese rationalisierte Männlichkeit fällt in ihren Beschreibungen mit dem zusammen, was ich den konventionellen Charakter nenne und der erstmals in den Studien zur autoritären Persönlichkeit von Theodor W. Adorno im Typ des »Konventionellen« beschrieben wurde: Wie der autoritäre Charakter verfügt der konventionelle Charakter über ein schwaches Ich bei gleichzeitiger Über-Ich-Schwäche und sucht daher auch die Anlehnung an gesellschaftliche Autoritäten. Anders als der autoritäre Charakter ist sein Über-Ich jedoch nicht das rigide Produkt einer autoritären Erziehung, sondern durch frühe Integration durch die Kulturindustrie ungefestigt. An die Stelle von Triebverzicht durch internalisierten, gesellschaftlichen Masochismus und sadistische Ersatzlust tritt beim konventionellen Charakter die Bewältigung von Orientierungslosigkeit durch Unterordnung unter die Konventionen. Max Horkheimer und Adorno beschreiben diesen Typ im Fortgang als »unterwürfigen Typ« (so Horkheimer in Zur Kritik der instrumentellen Vernunft), der tiefer vergesellschaftet ist als vorhergehende Charaktertypen.

Connell identifiziert jedoch die rationalisierte Männlichkeit nicht einfach mit einem neuen gesamtgesellschaftlich vorherrschenden Sozialcharakter, sondern beschreibt daneben auch weitere Typen von Männlichkeit – einerseits die protestierende Männlichkeit, die in ihren Eigenschaften dem autoritären Charakter entspricht und die sie beispielsweise bei Arbeitslosen mit Bezug zu körperlicher Arbeit vorfindet, andererseits auch von Emotionalität und individualistischer Selbstverwirklichung geprägte Männlichkeiten (in der akademisch geprägten Umweltbewegung).

Die Verknüpfung der Pluralität von Männlichkeiten mit verschiedenen Klassenlagen und Arbeitstätigkeiten erlaubt es, Connell als Ausgangspunkt zu nutzen, um in den Thesen zur Aktualität des autoritären Charakters und seiner Ablösung durch einen stärker oralnarzisstischen Charakter stattdessen eine Gleichzeitigkeit zu erkennen. Dort, wo die Arbeits- und Lebensbedingungen weiter existieren, die den autoritären Charakter im Kapitalismus funktional gemacht haben (körperliche Arbeit, die Selbstdisziplin und Entsagung erfordert, sowie keine hinreichende Ersatzbefriedigung in der Sphäre des Konsums) ist auch der autoritäre Charakter heute noch funktional. Während in größeren Teilen der Gesellschaft der konventionelle Charakter die dominante Charakterform darstellt – und die entgrenzten, projektförmigen und emotionale Arbeit erfordernden neuen Berufsfelder des Postfordismus einen neuen, flexiblen und anschmiegsamen narzisstischen Charakter erfordern und hervorbringen.Ausführlicher habe ich diese These im vierten Kapitel meines Buchs Kapitalistische Subjektivation. Das Subjekt des kybernetischen Kapitalismus zwischen Digitalisierung, Prekarisierung und Autoritarismus (Bielefeld 2022) entfaltet, dass zumindest über die meisten deutschen Universitätsnetze kostenfrei als eBook zugänglich ist.

Behr identifiziert im Anschluss an Connell in seiner Studie bei den street cops, die er untersucht, drei Männlichkeiten, die er mit den Bezeichnungen des »Kriegers«, des »Schutzmanns« und des »unauffälligen Aufsteigers« kennzeichnet. Auf sie lassen sich charakterologische Überlegungen beziehen und sie können somit die Grundlage liefern, um die Frage nach dem dominanten Sozialcharakter bei der Polizei zu beantworten. Der Krieger und der Schutzmann sind Männlichkeiten, die sich dominant bei street cops finden. Dagegen beginnt der unauffällige Aufsteiger seine Laufbahn zwar als street cop, zielt aber auf eine Karriere als office cop und letztlich management cop. Der unauffällige Aufsteiger ist zwar in der Lage, in der Lebenswirklichkeit der street cops zu navigieren, orientiert sich aber stark an den bürokratischen Anforderungen und Normen der Organisation Polizei.

Im Zentrum von Behrs Studie, insbesondere seinen Beobachtungen bei der BFE, steht die Krieger-Männlichkeit. Er betont aber, dass die »kulturelle Dominanz der Krieger-Männlichkeit [...] nicht unumstößlich [ist], immerhin konkurrieren mindestens die Schutz-Männlichkeit und auch die eher bürokratischen Männlichkeiten in der Polizei«Behr, Cop Culture, 92. mit ihr. Folgend möchte ich diese drei Typen von Männlichkeit näher vorstellen und deutlich machen, wie sie auf Sozialcharaktere bezogen werden können.

Als ersten und zentralen Typus beschreibt Behr den Krieger. Krieger-Männlichkeit ist einerseits von Sekundärtugenden wie Disziplin, Pflichterfüllung, Treue und Gehorsam geprägt, andererseits von der Selbstwahrnehmung, im Kampf gegen klar bestimmbare Feinde zu stehen und dies auch zu genießen. Behr spricht von einer Doppelstruktur aus »Lust auf Disziplin« und »Lust am Abenteuer«Ebd., 35, 98., die den Krieger prägt und an die Zweiseitigkeit von autoritärer Unterwerfung und autoritärem Gehorsam denken lässt. Der Krieger identifiziert sich mit der Idee eines starken Staats und formuliert zugleich eine Kritik an der Schwäche des realen Staats, die er insbesondere mit den Schranken, die der Rechtsstaat staatlichem Handeln und der Bestrafung von Delinquenz setzt, aber auch mit politischem Liberalismus insgesamt identifiziert.

Als street cop erlebt sich der Krieger auch innerhalb des Polizeiapparats als unterlegen. Er zieht zwar Stolz daraus, in gefährliche Einsätze geschickt zu werden, kritisiert aber zugleich, für politische Zwecke »verheizt«Ebd., 133. zu werden. Insbesondere ob der bürokratischen Anforderungen, wie der Dokumentation von Einsatzgeschehen, fühlen sich Polizist:innen dieses Typs »als kleine Rädchen in der Organisation. Durch ihre inferiore Stellung im Bürokratiebetrieb werden sie oft genug gekränkt, beschämt und frustriert. Ihre Vorstellungen von einer richtigen Polizeiarbeit werden von den eigenen Vorgesetzten selten geteilt, die Gerechtigkeitsvorstellungen stoßen schnell auf Unverständnis, wenn sie die eigenen Reihen verlassen.«Ebd., 87.

Der Krieger projiziert diese Kränkung, die mit seinem Selbstbild unvereinbar ist, auf das polizeiliche Gegenüber, dass insbesondere dann abgewertet wird, wenn es nicht den eigenen Anerkennungsnormen entspricht, also schwach, unehrenhaft usw. erscheint. Oder er wendet sie als konformistische Rebellion gegen die Vertreter:innen eines angeblich schwachen Staats, die durch eine starke Autorität ersetzt werden sollen.

Der zweite von Behr analysierte Typus Männlichkeit ist der Schutzmann. Behr versteht ihn als älter gewordenen Krieger, der sich nicht (mehr) lustvoll auf die Gewalt bezieht und für den an die Stelle einer körperlichen Bezwingung des Gegenübers die Kontrolle der Situation insgesamt tritt. Zugleich betont Behr, dass der Schutzmann aus seiner Perspektive »wohlgesetzte«Ebd.,132. Gewalt weiterhin als zentrale psychische Ressource einsetzt und im gleichen Maße wie der Krieger »seiner Organisation oder seinen Vorgesetzten nicht unbedingt loyal ist (weil sie es seiner Meinung nach nicht verdient haben), wohl aber seiner eigenen Moral treu bleibt«Ebd., 133..

Beide, Krieger und Schutzmann, orientieren sich also an ihren eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen und lehnen die Frage der Legalität als Maßstab für ihr eigenes Handeln tendenziell ab, da diese sie in ihrer Rolle als gewaltsame Vermittler der Autorität einschränkt. Bei beiden folgt aus der »Dominanz eigener Gerechtigkeitsvorstellungen vor bürokratischen Verfahrensfragen [der] Grundsatz [...] der Reziprozität. Danach muss eine Straftat angemessen sanktioniert werden, und zwar, wenn möglich, an Ort und Stelle«, so dass Behr selbst von »Bestrafungswünsche[n]«Ebd., 205. spricht, die von diesen Polizist:innen wo nötig auch außerhalb des legalen Rahmens ausgelebt werden. Zugleich wird an den Beispielen aus Behrs Forschung deutlich, dass diese Bestrafungen nicht notwendig mit sadistischer Lust einhergehen oder zelebriert werden, sondern stattdessen auch als Teil der eigenen Pflicht abgearbeitet werden können. Krieger und Schutzmann unterscheiden sich dabei insofern, dass beim (älteren) Schutzmann das Bewusstsein der Lust an der Bestrafung geringer ist, und die sadistischen Ersatzhandlungen tatsächlich als positiv besetzte Pflicht und weniger als Rahmen der eigenen Lust gedeutet werden.

Beide, Krieger und Schutzmann, nehmen sich in einer Frontstellung sowohl gegen den übergeordneten Polizeiapparat, Justiz und Politik, als auch gegen das polizeiliche Gegenüber wahr. Sie unterscheiden sich jedoch in Bezug darauf, worin sie ihre identitätsstützende Ressource sehen: Für den (jungen) Krieger ist es vor allem sein einsatzbereiter Körper, der als Kampfmittel zugleich Legitimationsquelle und Objekt des Stolzes ist, während für den (älteren) Schutzmann seine berufserfahrene Moral diese Doppelfunktion übernimmt.

Als dritten Typen beschreibt Behr den unauffälligen Aufsteiger, dessen zentraler Bezugspunkt nicht sein Körper oder seine Moral, sondern seine Uniform ist. Behr beschreibt ihn als unauffällig und in der Lage, sich in einem bürokratischen Apparat zurechtzufinden und anzupassen. Behr stellt fest, dass dieser Typ »bereit und fähig ist, sich den bürokratischen Aufstiegsregeln der Organisation zu unterwerfen«Ebd., 146., was im Polizeiapparat vor allem bedeutet, nicht negativ aufzufallen. Er ist, anders als Krieger und Schutzmann, legalitätsorientiert und insgesamt an den Apparat angeschmiegt, was ihn deutlich von den anderen beiden Typen unterscheidet. Seine Beschreibung entspricht stark dem konventionellen Charakter und er ist weitgehend frei von sadistischer Ersatzlust und von konformistischer Revolte gegen die Polizeiführung, die für ihn zentrale Quelle für Orientierung ist. Wie sich der unauffällige Aufsteiger zu Justiz und Politik verhält, hängt wiederum von der Positionierung der Polizeiführung oder anderen als Sprachrohren der Polizei anerkannten Akteur:innen (wie etwa den Polizeigewerkschaften) ab.

 

Two Cultures of Policing

Ähnliche Befunde finden sich auch bei den anderen, seltenen empirischen Studien zur deutschen Polizei. So untersuchte der Polizeiforscher Edmund Funke in seiner Studie Soziale Leitbilder polizeilichen Handelns von 1990 die Einstellung von Polizist:innen gegenüber sogenannten »Asozialen«. Die befragten Schutzpolizist:innen charakterisierten diese sowohl hinsichtlich illegaler Handlungen als auch hinsichtlich legaler, aber von den Polizist:innen als illegitim angesehenen Verhaltensweisen. Ihr normatives Orientierungskriterium war also nicht das Recht, sondern eigene Vorstellungen von Ordnung. Der Kriminologe Karlhans Liebl fasst in seinem Aufsatz Rechts- und Ordnungsvorstellungen in der Polizei 2003 die vorhandenen Studien zur Polizei hinsichtlich der erhobenen Wertvorstellungen zusammen. Sein Fazit ist, dass diese sich bei der Polizei um die Kernkonzepte Ordnung und Sicherheit gruppieren und die Polizist:innen im Schnitt rigidere Vorstellungen aufweisen als die Gesamtbevölkerung. Die Sozialwissenschaftlerin Sonja Schmid schließlich konstatiert 1995, dass die Polizei ihre Auszubildenden dazu erziehe, ihre individuellen Bedürfnisse zurückzustellen und sich anzupassen. Die von ihr beschriebene formelle, bürokratische Kontrolle polizeilichen Handelns korrespondiert in ihren Anforderungen mit dem konventionellen Charakter, sodass die Frage nahe liegt, wie eine auf Konventionalismus ausgerichtete professionelle Sozialisation mit den Befunden Behrs zusammenpassen, die darauf hindeuten, dass die Schutz- und Bereitschaftspolizei mehrheitlich aus autoritären Charakteren besteht.

Dass hier keine ungenaue Forschung, sondern wie eingangs aufgeworfen, ein gesellschaftlich begründeter Widerspruch vorliegt, deutet sich bereits darin an, dass die Polizei in Rechtsstaaten historisch immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Bürgerpolizei und Staatspolizei stand. Auch heute spiegelt sich dieses Spannungsverhältnis in den offiziellen Anforderungen: Einerseits »bürgernah, mit hoher kommunikativer Kompetenz, jeder Konfliktsituation gewachsen, mit demokratischem Selbstverständnis und ausgeprägtem Berufsethos«Reinhard Haselow/Guido Kissmann, Ausbildungs- und Sozialisationsprozesse der Polizei seit 1949, in: Hans-Jürgen Lange (Hrsg.), Die Polizei der Gesellschaft. Zur Soziologie der inneren Sicherheit, Wiesbaden 2003, 123–140, hier 127. als Bürgerpolizei für die Bürger:innen zu agieren und andererseits zugleich das staatliche Gewaltmonopol handgreiflich durchzusetzen, um Ordnung als Staatspolizei auch gegen diese Bürger:innen aufrechtzuerhalten oder herzustellen.

Mit dem titelgebenden Begriff der cop culture nimmt Behr dieses Spannungsverhältnis empirisch konkret als Gegensatz zwischen offizieller und inoffizieller beruflicher Sozialisation in den Blick. Er übernimmt den Begriff aus der kritischen Polizeiforschung im US-amerikanischen Raum, die mit ihm den Unterschied zwischen der offiziellen police culture und der inoffiziellen cop culture benennt. Letztere entsteht, da die street cops mit der Umsetzung des Gewaltmonopols notwendig mit einem Widerspruch zwischen Recht und Ordnung konfrontiert sind, den sie bewältigen müssen: »Was Polizeiarbeit so schwierig macht, ist die Tatsache, dass street cops sozusagen im Dienste des Gewaltmonopols in Handlungen verstrickt werden, die sie nicht bürokratisch einwandfrei lösen können, dass sie sich einlassen (müssen) in einen Handlungszusammenhang, der in manchen Fällen Kriminalität […], in anderen Diskriminierung«Behr, Cop Culture, 168. genannt wird. Die street cops stellen dazu ihre eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen über das Recht und ihre Anlehnung an Autorität wird nicht über Dienstvorschriften und Gesetze, sondern im informellen Teil ihres Berufsalltags vermittelt – während der Streifenfahrt, des Wartens im Gruppenwagen und im Einsatz mit erfahreneren Kolleg:innen.

Die Rekrutierung für die Schutz- und Bereitschaftspolizei erfolgt nach Ausbildungsniveau, angebotener Bezahlung, aber auch der Attraktivität körperbezogener Arbeit zwar vorrangig aus Klassenlagen, in denen autoritäre Charaktere vorherrschen, aber durch die informelle Sozialisation in die cop culture, die Behr beschreibt, werden so auch konventionellen Charakteren Konventionen vermittelt, an die sie sich anlehnen können. Unter Behrs Kriegern und Schutzmännern finden sich also vermutlich auch konventionelle Charaktere, die die sozialräumlich nähere cop culture als Orientierung nutzen, und sich nicht wie der unauffällige Aufsteiger auf die police culture beziehen.

Der notwendig im bürgerlichen Gewaltmonopol angelegte Widerspruch zwischen Recht und Ordnung wird also in der Polizei bewältigt, indem er auf office cops und street cops mit verteilten Rollen aufgeteilt wird. Beide beziehen sich dabei auf ihre je eigenen Normen, deren Anforderungen dem autoritären bzw. konventionellen Charakter entsprechen, sodass Behr von einem »gespannte[n], gleichwohl aber arbeitsteilige[n] Verhältnis« zwischen »der hegemonial wirksamen maskulinen Männlichkeit der Polizistenkultur und der eher bürokratischen Männlichkeit in der Polizeikultur« spricht.Ebd., 249.

 

Recht und Ordnung

Über diese Notwendigkeit hinaus ragen allerdings in Deutschland historische Pfadabhängigkeiten: Die Wiedergründung geschlossener Einheiten und ihrer Kasernierung war historisch in der BRD mit einer Ausrichtung gegen linke Demonstrant:innen kombiniert und griff auf quasi-militärische Ausbildungs- und Führungselemente zurück. Bürger:innen erscheinen so als polizeiliches Gegenüber, nicht als Inhaber:innen von Rechten, sondern als zu beherrschende Störer:innen der Ordnung. Die bisherigen Schritte zu einer prekären Einhegung dieser Strukturen durch Kennzeichnungspflicht oder gar unabhängige Kontrollstellen werden konterkariert durch Spezialgesetze wie den § 114 StGB (Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte). Polizeireformen und insbesondere die Reform der Polizeiausbildung bieten insgesamt eher wenig Potenzial. Der in der Polizei manifestierte gesellschaftliche Widerspruch zwischen Recht als Verkehrsform der Bürger:innen und Ordnung, als staatliche Herrschaft über die Bürger:innen, der in der Notwendigkeit illegaler Handlungen für die Polizeiarbeit mündet, lässt sich durch Reformen der Polizeiausbildung nicht lösen, sondern maximal moderieren. Auch dafür müssten sich die Reformen nicht zentral auf andere offizielle Lehrinhalte oder Leitbilder richten: Stattdessen müssten sie – in Anlehnung an das Diktum des Pädagogikkritikers und Psychoanalytikers Siegfried Bernfeld, dass »die Organisation der Erziehung [...] das Erziehungsresultat diktiert [und] alles, was in diesem Rahmen sich abspielt [...] verhältnismäßig unwesentlich«Siegfried Bernfeld, Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Frankfurt a.M. 1973, 127. ist – auf die Abschaffung von Sondergesetzen, geschlossenen Einheiten und anderen Strukturelementen zielen, also die Bedingungen polizeilichen Handelns verändern. Zugleich wird mit Bernfeld deutlich, dass an der Erziehung »auf keinem anderen Weg auch nur das mindeste zu ändern [ist] als ausschließlich durch eine vorausgegangene Änderung« der »ökonomisch sozialen Struktur der Gesellschaft«,Ebd., 119. auf die die Erziehung reagiert. In Bezug auf die Polizei heißt das, dass die Schutz- und Bereitschaftspolizei so lange ein Reproduktionsort des autoritären Charakters bleibt, wie der Widerspruch, der notwendig im bürgerlichen Gewaltmonopol enthalten ist, unaufgehoben bleibt.

 

Peter Schulz

Der Autor arbeitet und publiziert als Soziologe über das Konzept des Sozialcharakters und zum Verhältnis von Subjektivität und Kapitalismus. Seine Erfahrungen mit der Polizei resultierten dagegen aus (meist unerfreulicher) Alltagsempirie.