Persepolis

Tony Sfeir ist der Direktor des Musik- und Buchverlags La CD-Thèque und lebt in Beirut. Er ist gleichzeitig Mitübersetzer und Her-ausgeber der arabischen Ausgabe von Persepolis.

Phase 2: Persepolis ist die autobiographische Geschichte von Mirjam Satrapis Kindheit, ihrem Aufwachsen im Iran vor während und nach der islamischen Revolution 1979. Mehr als eine Million Ausgaben wurden bisher verkauft und das Buch wurde in 25 Sprachen übersetzt. Was hat Dich dazu bewogen, die arabische Version herauszubringen?

Tony Sfeir: Ich bekam die französische Ausgabe erstmals 2005 in die Finger. Die Geschichte dieses Kindes, dieser Teenagerin erinnerte mich an das, was wir im Libanon während der Bürgerkriegsjahre 1975 bis 1991 durchgemacht hatten. Natürlich stehen beide Ereignisse unter verschiedenen Vorzeichen, aber der Wandel der Lebensumstände ist vergleichbar. Infolge der Iranischen Revolution waren die Menschen gezwungen ihr Leben fundamental zu ändern, davon erzählt Persepolis. Das passierte 1975 auch im Libanon. Ein Land, in dem sich bis dahin recht gut leben ließ, verwandelte sich plötzlich in ein Land im Ausnahmezustand, ein Land im Krieg. Für den Alltag bedeutete dies, es gab plötzlich eine sehr lange Liste von Dingen, die man nicht mehr tun konnte oder durfte. Der Krieg bestimmte darüber, wo und wann man sich in Beirut bewegen und wie man sein Leben führen konnte.

Ausserdem spricht dieses Buch aus einer sehr außergewöhnlichen Perspektive gesellschaftliche Aspekte an, die in der arabischen Welt den Alltag mitbestimmen: den Islam, religiöse Riten, Ideen von Gesellschaft, das Verhältnis zu Gott und Familien. Es wäre schade, wenn die betroffenen Menschen, aufgrund von Sprachbarrieren keinen Zugang dazu hätten.

Phase 2: Satrapi wollte durch dieses Buch nach eigener Aussage mit gängigen Klischees über das Leben im Iran aufräumen und hat in erster Linie ein westliches Publikum angesprochen. Welche Lehren bietet diese Geschichte für ein arabisches Publikum?

Tony Sfeir: Kommt drauf an, ich wusste beispielsweise nicht das die iranische Revolution nicht als islamische Bewegung begann, sondern dass auch KommunistInnen und SozialistInnen für den Sturz des Shahs gekämpft hatten. Diese Erkenntnis eröffnet mir gerade jetzt eine neue Perspektive auf die aktuellen Entwicklungen in der arabischen Welt, die Revolution in Ägypten aber auch auf die Proteste in Libyen, Bahrain und Syrien. Kann hier dasselbe passieren, ist es nicht möglich, das auch hier religiöse Kräfte die Führung übernehmen und wir neue islamische Revolutionen erleben? Es ist nicht vorher zu sehen, ob es in Ägypten am Ende ein laizistisches bzw. säkulares Regime geben wird. Das bleibt natürlich zu hoffen, aber so einfach ist das nunmal nicht. Wenn Menschen dreissig Jahre unter so einem Regime gelebt haben, mögen einige dabei sein, die zumindest die Qualifikation haben, zukünftige ParlamentarierIn oder auch MinisterIn einer wirklichen Demokratie zu werden, aber niemand hat die nötige Erfahrung. Das Know-how wird ja auch nicht einfach weitergegeben, im Gegenteil, ein Großteil an Informationen wurde bereits durch die alten Eliten vernichtet. Das erzeugt neue Unklarheiten, Unsicherheiten und eine gewisse Leere, die wieder gefüllt werden muss. Allein schon weil 80 Millionen Menschen täglich satt werden müssen. Ich habe meine Zweifel, ob das so leicht mit Menschen zu machen ist, die keinerlei Erfahrung mit dieser Verantwortung haben. Selbst wenn sie es gut meinen. Auch die bolschewistische Revolution ist sehr früh gescheitert, allein schon weil Millionen Menschen verhungert sind. Andersrum verbesserte sich zwar unter Abdel Nasser die wirtschaftliche Situation Ägyptens, der schon damals versprochene demokratische Fortschritt endete jedoch in einem diktatorischen Einparteiensystem.

Phase 2: Der Libanon gilt als kulturelles Zentrum des Mittleren Ostens, in dem ein vergleichsweise hohes Maß an Meinungsfreiheit möglich ist. Gab es Probleme bei der Veröffentlichung des Buches?

Tony Sfeir: Nein, bei dem Buch gab es von staatlicher Seite keine Probleme, obwohl sich der Kinostart aus Sicherheitsgründen zwei Jahre verzögerte. Allerdings fiel die Herausgabe der arabischen Version von Persepolis zusammen mit den gewalttätigen Ausschreitungen anlässlich der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung. Auch hier in Beirut wurde ein Brandanschlag auf die dänische Botschaft verübt. Das war erschreckend und natürlich stand die Frage im Raum, ob Persepolis ebenfalls als Teil einer anti-muslimischen Kampagne wahrgenommen werden und ähnliche Reaktionen hervorrufen könnte. Letztlich haben wir uns aber gegen den Aufschub der Veröffentlichung entschieden, weil wir einerseits davon ausgingen, dass diejenigen die für die Ausschreitungen verantwortlich waren, sowieso nicht zu unseren KundInnen gehören und anderseits unsere Zielgruppe nicht für derartige Reaktionsweisen bekannt ist. Trotzdem musste ich natürlich meine eigene Angst davor überwinden, etwas zu veröffentlichen, dass andere Menschen verärgern könnte. Ich hatte die Übersetzungs- und Veröffentlichungsrechte erworben und nun musste ich diese Rechte auch wahrnehmen, dazu stehen. Mein Ziel war nicht, zu provozieren, mein Ziel war eine Diskussion in Gang zu setzen. Ich will keine Konfrontation, ich will einen Austausch. Ich möchte Schritt für Schritt genau dafür Territorium gewinnen. Ich will keine Revolution und Sachen erzwingen.

Die Zensur bleibt natürlich ein allgemeines Problem in der arabischen Welt. Die Printausgabe von Persepolis ist gerade mal in drei Ländern, nämlich Libanon, Jordanien und Ägypten erlaubt. Das heisst, wir können sowieso nur ein Drittel der potentiellen KäuferInnen überhaupt erreichen. Dazu kommen die üblichen Distributionsschwierigkeiten im arabischen Raum. In ländlichen Gegenden gibt es über weiter Strecken überhaupt keine Buchhandlungen. Viele, mit denen ich persönlichen Kontakt hatte und die Persepolis gekauft haben, kannten es auch schon. Für sie war der Kauf der arabischen Version eher eine Art Statement. Das ist natürlich enttäuschend, schliesslich wollte ich diejenigen ansprechen, die die Geschichte noch nicht kennen.

Phase 2: Was für Sicherheitsprobleme wurden denn beim Kinostart von Persepolis erwartet?

Tony Sfeir: Das schiitische iranische Regime kommt ja nicht sonderlich gut weg. Möglicherweise wurde angenommen, die Hisbullah, als schiitische Organisation und Alliierte des Irans, könnte gewaltsam darauf regieren. Das Verbot wurde nach kurzer Zeit aufgehoben, aber man wurde daran erinnert, dass der Staat die rechtlichen Möglichkeiten hat, Filme zu zensieren, die nach Meinung der Verantwortlichen die öffentliche Ordnung gefährden oder religiöse Gefühle verletzen könnten. Dieses Gesetz existiert nach wie vor, auch wenn es Bemühungen gibt, das abzuschaffen. Die Zensur im Libanon ist ausserdem sehr uneffektiv, jeder verbotene Film ist in einer Schwarzmarktversion leicht erhältlich. Das macht es noch absurder. Vor einigen Jahren hatte ich eine Hausdurchsuchung in meinem Laden und wurde anschliessend verurteilt, weil unter anderem der Film Cleopatra mit Elizabeth Taylor sichergestellt wurde. Taylor wurde vor Jahrzehnten auf die »schwarze Liste« gesetzt, weil sie ein Teil ihres Vermögens Israel gespendet hatte.

Phase 2: Welche Bedeutung hat die iranische Revolution bzw. das heutige iranische Regime in der arabischen Welt? Kannst Du Dir vorstellen, dass es in irgendeiner Weise Modellcharakter hat?

Tony Sfeir: Nein, ich denke, die iranische Revolution hat für eine Mehrheit der arabischen Länder nie eine große Rolle gespielt, auch weil es im zwanzigsten Jahrhundert, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren in den arabischen Ländern eine Reihe von Umbrüchen und Revolutionen gab, die iranische war nur eine von vielen. Deshalb denke ich auch nicht, dass sie bei den gegenwärtigen Umbrüchen eine bedeutende Rolle spielt und schon gar nicht als Vorbild. Das iranische Regime hat wahrscheinlich gerade Sorge genug, dass im eigenen Land nicht wieder die Proteste losbrechen. Aus globaler Perspektive nimmt der Einfluss des Irans seit den neunziger Jahren natürlich zu, auch weil sich die meisten Länder im gegenwärtigen Konflikt zwischen den USA und Iran genötigt sehen, Partei für die eine oder andere Seite zu ergreifen. Aber auch das ist momentan sekundär.

Phase 2: Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Tony Sfeir: Inspiriert durch Marjane Satrapi würde ich mir natürlich auch etwas Vergleichbares über den libanesischen Bürgerkrieg wünschen, aber das ist sehr kompliziert. Zwanzig Jahre später gibt es nicht mal ein offizielles Geschichtsbuch für Schulen, dass die moderne Geschichte des libanesischen Staates, geschweige denn die Geschichte des Bürgerkriegs behandelt. Weil sich die Parteien und die verschiedenen religiösen Gruppen nicht auf eine Version einigen können. Aber die Entwicklung des Genres Graphic Novel ist weit fortgeschritten und etabliert. Alle drei Monate erscheint das Magazin Samandal, hier veröffentlichen verschiedene libanesische KünstlerInnen ihre Kurzgeschichten auf Arabisch, Französisch oder Englisch – auch mit durchaus kritischen Inhalten. Konkret denke ich darüber nach, Übersetzungen von Joe Saccos Arbeiten zu veröffentlichen, die sich mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt befassen.

Phase 2: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jennifer Stange für die Phase 2.