Postkoloniale Theorie wurde in Deutschland hauptsächlich als antirassistisches Basiswissen rezipiert und es gibt sowohl gute als auch schlechte Gründe, die zu dieser Entwicklung geführt haben.Einige der zentralen Aspekte des postkolonialen Antirassismus werden, im Zusammenhang mit den Kernthesen dieses Textes, diskutiert in: JustIn Monday: Après le postcolonialisme, avant la décolonisation. À propos d’un concept tronqué de racisme, https://t1p.de/9j579. Eine erweiterte deutschsprachige Fassung ist in Vorbereitung. Die Absicht der frühen Protagonist:innen, einen Beitrag zur Rassismustheorie zu liefern, zählt aber nicht dazu. Verfolgt man die heutige Situation zurück zu den anfänglichen Fragestellungen der 1980er-Jahre, fällt direkt auf, dass die Urheber:innen der postkolonialen Theorie ganz anderes im Sinn hatten. Die Worte »race« und »racism« kommen in dem 1997 erschienenen Sammelband A Subaltern Studies Reader 1986–1995, in dem zentrale Aufsätze der mehrheitlich aus der indischen Linken stammenden Subaltern Studies Group (SSG) enthalten sind, nicht vor. Und das, obwohl mit Gyanendra Pandeys In Defense of the Fragment: Writing about Hindu-Muslim Riots in India Today auch ein Text enthalten ist, der eine theoretische Reaktion auf ein Pogrom darstellt, das nach gängigen Kriterien rassistisch motiviert war. Statt von rassistischer Gewalt war aber von »sektiererischer Gewalt«Gyanendra Pandey, In Defence of the Fragment: Writing about Hindu-Muslim Riots in India Today, in: Economic and Political Weekly 26 (1991), 559–572, hier 559. Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor. die Rede.
Der hierzulande übliche Grund für solche irreführenden Bezeichnungen, die Verweigerung der nötigen antinationalen Kritik, liegt in diesem Fall allerdings nicht vor, denn der Text war durchaus gegen den Hindunationalismus der Mehrheitsgesellschaft gerichtet. Vielmehr war es die Entstehungsbedingung der Nationalismuskritik selbst, die den schiefen Ausdruck verantwortet haben dürfte. Orientiert an der vor allem britischen »Geschichte von unten« sollte in den Jahrbüchern der Subaltern Studies eine Geschichte der indischen »Subalternen« geschrieben werden, die einen Einspruch gegen die Auflösung der antikolonialen Befreiungsbewegungen in trikontinentalem Nationalismus darstellen sollte. Oder mit den Worten von Dipesh Chakrabarty in Invitation to a Dialogue, der vermutlich prägnantesten theoriepolitischen Stellungnahme der Frühphase: »Subaltern Studies beginnt mit der Infragestellung der Kategorie ›Nation‹ und stellt das Scheitern der ›Nation‹, sich selbst zu verwirklichen, als ein grundlegendes Problem der modernen indischen Geschichte dar.«Dipesh Chakrabarty, Invitation to a Dialogue, in: Subaltern Studies 4 (1994), 364–376, hier 373. Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor.Chakrabarty gehört zu den heute bekanntesten Autor:innen aus dem Umfeld der SSG und ist Verfasser des inzwischen klassischen Texts Europa provinzialisieren. Postkolonialität und die Kritik der Geschichte.
Das Verhältnis zum europäischen Vorbild war dabei doppeldeutig. So wurde darauf Wert gelegt, dass eine solche Geschichte für die Subalternen einer ehemaligen Kolonie anders geschrieben werden müsse als für das Proletariat der Metropolen – und weil die Thematisierung dieser Differenz zum Gegenstand der Theorie selbst geworden ist, heißt »anders« hier auch »mit anderen Methoden der Forschung«. In der Folge hat das aber zu einer – wenn auch modifizierten – Übernahme des poststrukturalistischen Theoriebaukastens geführt, der die gleiche Funktion auch für Europa erfüllen sollte. Der Sinn der Sache war daher vergleichbar. Die Subalternen sollten den nationalistischen eigenen Eliten entrissen und vor der nationalen gesellschaftlichen Ordnung gerettet werden. Vom antirassistischen Standpunkt aus betrachtet, der sich im kolonialen Zusammenhang traditionell gegen die fremdrassifizierenden Vorstellungen von der zivilisatorischen Überlegenheit der Kolonisierenden richtet und nicht gegen die auch im hindunationalistischen Pogrom auftretende Selbstrassifizierung, wären diese Eliten aber selbst als Opfer von Rassismus erschienen. Der SSG ging es aber darum, die Eliten stattdessen als Repräsentant:innen postkolonialer Herrschaft anzugreifen, ohne dabei die gängige Metaphysik der »Klasse an sich« zu bemühen.
Die Theorie stellte eine innerlinke und unorthodox-marxistische Gegenposition zum Antiimperialismus dar. Dieser beschwor die »kämpfenden Völker«, und das hieß die nationale Einheit von »Volk« und »Elite«, weiterhin als Subjekte des Widerstands gegen »den Imperialismus« und setzte so die Strategie der Kommunistischen Internationale (KI) aus Kolonialzeiten fort. In den 1920 auf dem II. Kongress verabschiedeten »Ergänzungsthesen über die Nationalitäten- und Kolonialfrage«, hieß es z. B., dass »die [koloniale, J. M.] Fremdherrschaft […] beständig die freie Entwicklung des sozialen Lebens« hemme. Daher müsse »der erste Schritt der Revolution die Beseitigung dieser Fremdherrschaft sein. Den Kampf zum Sturz der ausländischen Herrschaft in den Kolonien unterstützen, heisst also nicht, die nationalen Bestrebungen der eingeborenen Bourgeoisie unterschreiben, vielmehr bedeutet es, dem Proletariat der Kolonien den Weg zu seiner Befreiung zu ebnen.«https://t1p.de/8e3el.
Das Eingeständnis, dass – im Fall Indiens knapp 40 Jahre nach dem 1947 gelungenen »Sturz der ausländischen Herrschaft« – die Geschichte anders verlaufen war, war allerdings nicht die Sache der antiimperialistischen Dogmatiker:innen. Dass Imperialismus, als Begriff für das Wesen der internationalen Beziehungen, von der Dekolonisierung in Frage gestellt wurde, weil er, insbesondere von Rosa Luxemburg, als Konkurrenz der Kolonialmächte um Kolonien bestimmt worden war, wurde schlicht ignoriert.Vgl. JustIn Monday, Die Expansion des Weltkapitals. Überlegungen zum Ende des Imperialismus anlässlich des Ukraine-Kriegs, in: Distanz-Magazin 7, https://t1p.de/6l2a9.Und weil sich Mitte der 1980er nicht einmal mehr die Entwicklung im post-kulturrevolutionären Nachbarland China als Schritt in die richtige Richtung darstellen ließ, geschweige denn die des ambitioniert kapitalistischen Indien, wurde die »Fremdherrschaft« nicht in der Realität erkannt, sondern widersinnig aus der Theorie deduziert. Weil noch immer kein indisches Proletariat auf geebnetem Weg voranschritt, wurde geschlossen, dass die Fremdherrschaft weiterhin bestehe. Man müsse sie nur finden. Daher wurde in antiimperialistischen Kreisen statt von Post- lieber von Neokolonialismus gesprochen. Ein Begriff, der das Vergangene zwar festhalten soll, dabei aber implizit der Derealisierung historischer Dynamik dient, indem historisch vergangene Formen kolonialer Verwaltung für unwesentlich erklärt werden. Weil trotz ihres Wegfalls alles gleichgeblieben sei, nur irgendwie neu, wird ungewollt auch deren vergangene Bedeutung relativiert – nationale Unabhängigkeit hin oder her.
In Invitation to a Dialogue hat Chakrabarty die Positionierung der SSG gegen den Antiimperialismus deutlich gemacht. Es handelt sich bei dem Text um eine Verteidigung gegen die Kritik an den vorangegangenen Bänden der Subaltern Studies aus einer linken Tradition heraus, die er »national-Marxismus« genannt und der er eine Überbetonung des Kolonialismus vorgeworfen hat: »Der Punkt ist, dass der Versuch des national-Marxismus, ›Kolonialismus‹ als übergreifendes Erklärungskonstrukt für alle Probleme populärer Politik in Indien zu etablieren, eine mystifizierende und ideologische Übung ist.«Chakrabarty, Invitation, 373. Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor. Selbstverständlich war die Gegenposition nicht, dass der Kolonialismus unbedeutend sei. Das wäre noch überraschender als es, von heute aus betrachtet, bereits das Zitat Chakrabartys ist. Vielmehr wurden solche Positionen »postkolonial« genannt, weil sie gegen die antiimperialistische Derealisierung betonten, dass mit der nationalen Unabhängigkeit ein neues Kapitel der Geschichte begonnen hatte. Und das, obwohl sich die damit verbundenen Hoffnungen – nicht nur der KI – alles andere als erfüllt hatten. Zurückgeführt wurde das darauf, dass etwas vom Kolonialismus erhalten geblieben war, was das »post« eben auch bedeutet. In diesem doppelten Sinn bezeichnete etwa Gayatri Chakravorty Spivak, die zentrale Protagonistin der postmodernen Wende der SSG, 1993 die »ausgehandelte Unabhängigkeit« als »jene[s] Moment«, »mit dem die Probleme der Postkolonialität beginnen«.Gayatri Chakravorty Spivak, Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien 2008, 131. Die englische Originalfassung erschien 1993.
Dazu gehört, dass die staatliche Unabhängigkeit 1947 direkt die zweier Staaten sein musste: Des hinduistischen Indien und des muslimischen Pakistan. Die Befreiung von der »Fremdherrschaft« ging (neben einem Krieg untereinander um Kaschmir) mit einer die Bevölkerung der jeweiligen Staatsgebiete homogenisierenden Massenumsiedlung einher, die beiderseits durch gewalttätige Säuberungen und Vertreibungen befördert wurde. Deshalb dürfte es kein Zufall sein, dass die Problematisierung des Befreiungsnationalismus insbesondere in Indien überdurchschnittlich bedeutend wurde. Im Gegensatz zu den geschichtsphilosophisch geprägten Erwartungen, dass mit der nationalen Befreiung die Entwicklung einsetzen würde, die – aus der Sicht bürgerlicher Nationalist:innen – in Europa mit den bürgerlichen Revolutionen begonnen hat, »begann« man in ehemals Britisch-Indien also, den homogenisierenden und kulturalistischen Zug des Nationalstaats vollständig auf der Höhe der Zeit zu exekutieren. Die Region hatte also bereits am dialektischen Umschlag der Aufklärung teil, ohne dass deren Entfaltung je als Bewegung verstanden werden konnte, die von einer eigenen Nationalkultur bestimmt war. Oder anders ausgedrückt: Die meisten postkolonialen Staaten wurden im 20. Jahrhunderts als – zeitgemäß – autoritäre Staaten gegründet, ohne über eine zur Identifikation geeignete »eigene« Geschichte zu verfügen. Am deutlichsten ist das daran erkennbar, dass auch in den postkolonialen Staaten, in denen ein stabiles parlamentarisches System entstand, nie ein auf Eigentum gegründetes Klassenwahlrecht eingeführt wurde. Über diese politische Form der Klassendifferenz, die in den Kolonien von rassistisch kolonialen Eigentumsrechten überlagert war, war der Kapitalismus insgesamt hinweg, wenn auch noch nicht lange, denn auch in Europa wurde erst im 20. Jahrhundert endgültig ein allgemeines Wahlrecht durchgesetzt.
Dass Spivaks an den Nationalstaat gebundene »Probleme der Postkolonialität« zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem aus europäischer Perspektive ein Ende des Fortschritts diagnostiziert wurde, resultierte in einer ambivalenten Haltung gegenüber dem Nationalstaat, die den Postkolonialismus entscheidend prägte. Damit wurde nicht nur ein zentrales Moment des Wesens der Verhältnisse bewusst in die Vergangenheit verlegt. Die Bindung an die Nation geriet vielmehr ambivalent, weil eine nachholende Entwicklung erwartet wurde, die die aus der europäischen Vergangenheit bekannten politischen Formen als noch uneingelöste positive Voraussetzungen der antikolonialen Befreiung erscheinen ließ. Und zwar, wie es sich an Chakrabartys Diagnose zeigt, als nachträglicher Beginn einer eigenen Geschichte, nach der eine Nation in Frage zu stellen ist, die sich noch gar nicht selbst verwirklicht habe.Darin zeigt sich der Unterschied zwischen dem Begriff des »Postkolonialismus« und etwa dem des »Postfaschismus«, dem zufolge die Anerkennung der – auch positiv erscheinenden – Voraussetzung entweder zur Negativität des Denkens zwingt oder aber zur offenen Affirmation der Voraussetzung im nationalen Stolz auf die geglückte »Vergangenheitsbewältigung«.
Dieses ambivalente Verhältnis ist nicht nur ein Verhältnis zum Nationalstaat als Institution, sondern auch eins zum Nationalismus als staatsbildender politischer Bewegung, denn es beinhaltete die Erfahrung, dass es auch nicht-nationalistische politische Fraktionen gibt, die keine reaktionären Relikte vor-bürgerlicher Epochen sind. Während in Europa jeder politische Gedanke, inklusive dem sozialistischen Internationalismus, von vorneherein national geformt war, propagierte derselbe Internationalismus in den ehemaligen Kolonien die bloße Anpassung an Entwicklungen von außerhalb, die aber durchaus als fortschrittlich erscheinen konnten. Den nichtsozialistischen Teilen der Eliten war eine ähnliche Orientierung an den (später dann ehemaligen) Kolonialmächten möglich, in deren Metropolen sie ohnehin studiert hatten.
Die Ambivalenz, die sich im Zwang zur Entscheidung für oder gegen den Nationalismus abzeichnete, wurde weiter bekräftigt, als die Bemühungen der SSG im Übergang zu den 1990er Jahren von den Problemen der indischen Geschichte abgekoppelt und im Zug einer postmodernen Wende zu dem verallgemeinert wurden, was heute unter »postkolonialer Theorie« firmiert. Aus dem ursprünglichen Anspruch, Geschichte »von unten« zu schreiben, ist dabei die Absicht geworden, zur Konstruktion einer nichteurozentrischen Reformulierung der Weltgeschichte nach dem Ende des Kolonialismus beizutragen. So kam es zu der eigenartigen Konstellation, in der auf einmal für alle von kolonialer Herrschaft befreiten Regionen gelten soll, was die SSG wenige Jahre vorher als spezifisch indische Abweichung von der – kapitalistischen oder realsozialistischen – Geschichte Europas diskutiert hatte.
So wurde einerseits für den in der Peripherie spezifischen Entscheidungszwang im Hinblick auf den Nationalismus der – bereits gebräuchliche – Begriff der sozialen Konstruktion gefunden, der den Anspruch des Staats auf Souveränität relativiert. Andererseits forderte die SSG die gleiche Relativierung von Europa. So wie die peripheren Nationalismen an den internationalen Machtverhältnissen immer bereits relativiert sind, sollten die europäischen auch als Konstruktionen wahrgenommen werden. Das ist ein Aspekt der »Provinzialisierung Europas«, und hieraus ergab sich die Attraktivität des dekonstruktiven Denkens, das jede A-priori-Form in Frage zu stellen beansprucht, und damit auch die nationale.
Eine Bedingung der Möglichkeit dieser Verallgemeinerung war der poststrukturalistische Machtbegriff, mit dem auch Widerstand als Effekt der Macht verstanden wird, weil Macht ihm zufolge wirkt, indem sie weniger einschränkt als produktiv zwingt. Diese Verallgemeinerung steht in Kontrast zur Vorstellung der Geschichtsschreibung »von unten«, der zufolge Widerstand autonomer Eigensinn von Subjekten ist, die einschränkender Macht unterworfenen sind. Der Machtbegriff dürfte sich aber durchgesetzt haben, weil er eine sehr viel bessere Darstellung der Ambivalenz erlaubt, denn so konnte guten Gewissens die permanent gärende Ahnung beiseitegelegt werden, dass gerade der Nationalismus das zentrale Erbe des Kolonialismus ist. Er ist es, weil es sich bei ihm schlicht um einen politischen Mythos von der kapitalistischen Gesellschaftsordnung handelt, die der Kolonialismus erzwungen und die Dekolonisierung nicht abgeschafft hat. Der Versuch, den nationalistischen Widerstand zu Kolonialzeiten vom subalternen der gleichen Epoche zu trennen, musste daher als hoffnungslos erscheinen. Die andere, direkt hieran anschließende Bedingung der Verallgemeinerung war das Versprechen der anti-ontologischen postmodernen Sprache, dass sich in ihr auf scheinbar nicht-universalistische Art von besonderen Umständen reden lässt.
Ästhetik und Antidialektik
Psychologisch betrachtet handelt es sich bei Ambivalenz nicht um das umgangssprachliche Einerseits-andererseits-Urteil, sondern um eine Objektbesetzung, die von gegensätzlichen Bestrebungen bestimmt ist, »wo Bejahung und Verneinung simultan und unauflösbar sind«.Jean Laplanche/Jean-Bertrand Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. 1996, 56. Obwohl Ambivalenz ihrerseits abgewehrt werden kann, bevorzugt durch Spaltung, ist sie selbst kein Abwehrmechanismus, sondern etwas, das das Subjekt zu beiden Seiten hin nach außen darstellen und, solange die Ambivalenz keiner Abwehr unterliegt, auch lustvoll sublimieren kann. Im undogmatischen politischen Umfeld des frühen Postkolonialismus dürfte es eine in Europa unbekannte Freude darüber gegeben haben, dass man im Moment der Dekolonisierung endlich einen Staat hatte, dem man eigenhändig die Gräten brechen konnte.
Erkenntnistheoretisch ist Ambivalenz ein nicht entwickelter Widerspruch, weshalb sowohl der Hang zur Ästhetik als auch die antidialektische Kritik des »Macht-Wissens« des postmodernen Denkens weitere geeignete Mittel ihrer Darstellung sind. Der Hang zur Ästhetik erklärt, warum das Genre den Kulturbetrieb sowie Literaturwissenschaftler:innen anzieht. Sowohl die Darstellung der Ambivalenz als auch der theoretischen Gedanken brauchen Mittel: Diese liefert die postmoderne Analyse mit ihrer Aufmerksamkeit für die Regeln der Erzählung, die Repräsentation und die Symbolisierung. Es kann sinnvoll sein, einen theoretischen Text auf seine Erzählstrategien oder seine Auslassungen hin zu untersuchen und ihm nicht abzunehmen, dass seine Sprache entweder aus bloßer Pflicht zur objektiven Wahrheit oder nur aus didaktischen Gründen gewählt ist. Allerdings kommt der Thematisierung der Darstellungsformen in den Texten des Genres eine Doppelfunktion zu, die dazu führt, dass die Darstellungsweise für eine Form gehalten wird, die den Inhalt eines Texts so bestimmt wie die Wertform Tausch- und Gebrauchswert. Bei Spivak führt das in Can the Subaltern Speak? zu einer kulturalisierenden Lesart von Marx’ Das Kapital. Zwar will sie, antifetischistisch motiviert, über die auf die Klassendifferenz zentrierten Lesarten hinausgehen, weswegen sie Teile der Wertformanalyse verhandelt. Vor lauter Analyse des »Erscheinens« und »Sich-Darstellens« des Werts, die tatsächlich ein erkenntnistheoretisches Problem beinhaltet, versäumt Spivak aber zu prüfen, ob ihre Interpretation noch irgendeinen Sinn im Hinblick auf die Praxis ergibt, welche die ökonomische Gesetzmäßigkeit in Gang setzt. Das wird an Sätzen wie dem folgenden deutlich: »Marx zufolge wird im Kapitalismus der Wert, wie er in notwendiger Arbeit und Mehrarbeit produziert wird, als Repräsentation/Zeichen der vergegenständlichten Arbeit (die von der menschlichen Tätigkeit streng unterschieden wird) veranschlagt.«Spivak, Can the Subaltern Speak?, 36f. Chakrabartys Kapital-Lesart (in Die zwei Geschichten des Kapitals, in: ders., Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a.M. 2010, 115–147) weist ähnliche Züge auf, nur sind diese mit den Mitteln des Historikers, der »Geschicht(en)« erzählt, und nicht denen der Literaturwissenschaftlerin produziert.
Die zweite Funktion der Analyse der Darstellung ist die dauernde Wiederdarstellung der Ambivalenz mit den thematisierten Mitteln, die ihrem Erhalt dient. Das bewahrt zum einen davor, dass sie zu einer sentimentalen Erinnerung der Sorte »Weißt Du noch damals, unsere nationale Unabhängigkeit?« wird, die zu einem Teil des nationalen Mythos würde. Zum anderen muss sie dauernd praktiziert, diskursiv erneuert oder inszeniert werden, weil sie geschützt werden muss, obwohl sie kein Abwehrmechanismus ist und daher zunächst auch keine Entstellungen produziert, die dem Objekt gegenüber unangemessen wären. Allerdings kann die postmoderne Sprache mit der realen Geschichte des Objekts, das sie innerpsychisch repräsentiert, out of sync geraten – aufgrund der Beharrungskräfte psychischer Bildungen, die zunächst einmal vom Moment ihrer Entstehung geprägt sind und diese Prägung so schnell auch nicht verlieren. Das geschieht nahezu zwangsläufig, zumal eine erneute Synchronisierung in einem Urteil bestehen müsste, das die ambivalente psychische Repräsentanz in der historischen Zeit platzieren und damit die Gegensätze als Widerspruch fassen müsste. Aufsätze der Sorte »Die Dekolonisierung aus heutiger Perspektive« sind im postkolonialen Umfeld aber nicht geschrieben worden.
Dass diese zweite Funktion nicht einfach als psychologischer Tick gedeutet werden darf, der am richtigen Verständnis von Marx hindert, zeigt sich wiederum daran, dass sie die für die Verbreitung des Postkolonialismus wichtigere und damit der historisch reale Teil war, der daher das Interesse materialistischer Kritik auf sich ziehen sollte. Auf diesem Weg, so diskurstheoretisch muss die Ideologiekritik dieser Indienstnahme der Diskurstheorie sein, ist die antiidentitäre Pointe des Poststrukturalismus zum identitären Jargon derjenigen entwickelt worden, die in ihren akademischen Communitys und NGOs gern die »internationale Zivilgesellschaft« wären, obwohl es sich bei ihnen bloß um virtuelle Fachausschüsse der United Nations (UN) handelt: einer Organisation, die einen enorm hohen Bedarf an Selbstidealisierung hat, weil sich in ihr das Elend der Befreiungsnationalismen institutionalisiert findet. Zum einen sind sie das Kuriosum einer demokratischen Versammlung von Souveränen, also von Machtstrukturen, die so viel Gewalt monopolisierten, dass sie die kapitalistischen Herrschaftsformen auf ihrem Territorium bedingungslos zur Geltung bringen können. (Dass knapp die Hälfte der Mitgliedsstaaten Diktaturen sind oder diktatorische Züge tragen, ist dagegen ein Nebenaspekt.) Zum anderen haben die UN, im Unterschied zur Souveränität der Staaten und den von ihnen gebildeten supranationalen Strukturen wie den Freihandelszonen oder dem Internationalen Währungsfonds, keine wesentliche Funktion in der Weltordnung, deren angeblich friedenstaugliche Grundstruktur sie aber repräsentieren sollen, obwohl ihre Mitglieder mit ihren stehenden Heeren permanente Kriegsbereitschaft praktizieren. Aus diesem Grund halten die UN sich, um ihre Bedeutungslosigkeit zu kaschieren und die Widersprüche auf die Spitze zu treiben, einen Sicherheitsrat, in dem die größten Militärmächte das Sagen haben. Völlig unabhängig vom Rest der Organisation agieren die Mitglieder dieses Rats ihren aktuellen, zumeist verzwickt zustande gekommenen Machtkalkülen gemäß und rekrutieren zu diesem Zweck aus den Armeen der Souveräne »Friedenstruppen«.
Diese Fähigkeit postkolonialer Theorie, der Idealisierung der UN zu dienen, ist jedoch keins ihrer Alleinstellungsmerkmale, und zusätzlich teilt sie auch ein zentrales Element ihres Antizionismus mit anderen Ideologien: Die eigene gewaltförmige, aber nicht mehr koloniale nationalstaatliche Konstitution wird auf Israel projiziert, und ihm stellvertretend für alle anderen verweigert. Die Erwartung unter gegenwärtigen Kritiker:innen, den Antizionismus in den Strukturen oder Grundannahmen des postmodernen Denkens »latent angelegt« zu finden, führt auf die falsche Fährte. Der Antizionismus ist dort, wie in anderen Ideologien, nicht deshalb aufzufinden, weil er über eine latente Logik verfügt, die sich vom Denken bis zu seinen Manifestationen verfolgen ließe. Vielmehr ist dem Antizionismus eine obsessive Unlogik zu eigen, die abrupt ins Denken einbricht, wenn das Erkenntnissubjekt an seinen eigenen Prämissen scheitert, von ihnen aber auch nicht lassen kann, weil sein Gegenstand ihm diese vorgibt. Der Antizionismus ist damit, wie die früheren Varianten des Antisemitismus auch, eine konstitutive Krise der Formen des Denkens und daher an Universitäten schon immer besonders virulent gewesen. Für seine Erklärung ist entsprechend nach jenen Momenten der Realität zu suchen, die das Denken immanent in die Krise stoßen.
Nach dem Postkolonialismus ist vor der Dekolonisierung
Damit zum aktuellen Stand der Dinge: Seit einigen Jahren wird wieder zur Dekolonialisierung aufgerufen. Auf den ersten Blick wirkt das erstaunlich und auf den zweiten irritierend, denn die internationale Politik der vergangenen Jahrzehnte weist keine Versuche der alten Kolonialmächte auf, ihre ehemaligen Kolonien zurückzuerobern. Bei denjenigen, die sich um die Kontinuität des Forschungsbetriebs und der politischen Mobilisierung sorgen oder mit dem alten Label einfach wohler fühlen, hat das zu einer defensiven und sprachlich widersinnigen Umdeutung der Selbstbezeichnung geführt. »Postkolonialismus«, heißt es etwa im 2015 veröffentlichten Band Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, »kann dabei nicht einfach als etwas gedacht werden, dass ›nach‹ dem Kolonialismus eingetreten ist, sondern muss als eine Widerstandsform gegen die koloniale Herrschaft und ihre Konsequenzen betrachtet werden.«María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2015, 16.
Die Fortentwicklung der postkolonialen Debatten, also der permanente Schutz der Ambivalenz im Forschungsbetrieb, hat zu einer Derealisierung der Geschichte der dekolonisierten Welt geführt, wie sie zuvor dem Antiimperialismus zu eigen war. Fast scheint es so, als hätte die Rede vom Neokolonialismus doch noch gesiegt. Dass Spivak Foucault und Deleuze in ihrem schulbildenden Klassiker Can the Subaltern Speak? vorgeworfen hat, dass diese sowohl »die epistemische Gewalt des Imperialismus als auch die internationale Arbeitsteilung«Spivak, Can the Subaltern Speak?, 60. ignorieren, ließe sich unter dieser Prämisse als Beleg für eine bloß unvollständige Abkehr vom Antiimperialismus interpretieren, die nun rückgängig gemacht worden ist.
Das ist allerdings aus verschiedenen Gründen unplausibel. Zum einen ist Edwards Saids bereits 1978 erschienenes Buch Orientalismus schon früh – und von den Gründungsfiguren selbst – zu einem der Gründungselemente des postkolonialen Denkens erklärt worden. Das ist eigenartig, denn das Buch handelt selbst dann von nichts, was ein »post-« rechtfertigen könnte, wenn man seinen Thesen zustimmen würde. Der Antizionismus, den er vertritt, fasst Israel eben nicht als konkurrierenden Befreiungsnationalismus unter den Bedingungen des europäischen Antisemitismus auf, sondern als Siedlerkolonialismus. Auch hat er seine Darstellung explizit »auf den Islam und die Araber fokussier[t], die fast ein Jahrtausend lang für den Orient standen«Edward Said, Orientalismus, Frankfurt a.M. 2009, 27.. (Obwohl der europäische Orientalismus das Gebiet von Ägypten bis China als »Orient« behandelt hat.) Diese Gegenden, der heutige »Nahe Osten«, verfügen aber über keine Geschichte als Kolonie einer europäischen Macht wie Britisch-Indien, Niederländisch-Indien (Indonesien), Subsahara-Afrika oder auch Südamerika. Sie waren entweder Teil des 1922 untergegangenen Osmanischen Reichs oder, wie der heutige Iran, anderen Herrschaftsdynastien unterworfen. Die kurze Zeit des britischen Mandatsgebiets lässt sich kaum als so prägend beschreiben, wie der Machtbegriff es fordert. Daher greifen die postkolonialen Fragestellungen hier eigentlich nicht, ohne dass vollständig von den tatsächlichen Eroberungen, Verwaltungsstrukturen und Besiedlungspraktiken, die den Kolonialismus auszeichnen, abgesehen wird. Oder, mit der unbestechlichen Expertise eines Literaturwissenschaftlers formuliert: »Reiseberichte trugen mehr als große Unternehmen wie die verschiedenen Indien-Gesellschaften dazu bei, Kolonien zu schaffen und ethnozentrische Perspektiven zu festigen.«Ebd., 142 (Ob Said mal mit Spivak diskutiert hat, ob der L’TUR-Katalog ein bedeutenderer Macht-Wissen-Komplex ist als die Industrie- und Handelskammern, ist nicht überliefert.)
Weiterhin ist zu bedenken, dass Spivaks Vorwurf gegenüber Foucault und Deleuze lautete, unter der Hand doch einem dem Antiimperialismus der Neuen Linken verpflichteten Subjektbegriff anzuhängen, der an Europa gemessene Vorstellungen über die Emanzipationsbedingungen trikontinentaler Subalterner transportiert. Spivak warf den beiden also vor, dass der Antiimperialismus die Realität des Imperialismus verfehle. Unter Letzterem stellte sie sich kein vornehmlich Geopolitik betreibendes und mit eindeutigem Herrschaftswillen zwingendes Übersubjekt vor, sondern eine durch Wissen wirkende »epistemische Gewalt«Spivak, Can the Subaltern Speak?, 43.. Diese werde »aus der Distanz orchestrier[t]«, sei »weitläufi[g] und heteroge[n]«, und unterdrücke das »koloniale Subjekt als Anderes« nicht, obgleich es dabei sprachlos gelassen werde, sondern »konstituier[e]« es.Ebd. So kann Spivak in der Wirkung des Macht-Wissens, das auch ohne Kolonialverwaltung weiterhin für wahr gehalten wird, den Kern des kolonialen Erbes im Postkolonialismus sehen. Weil das Macht-Wissen herrschaftskonform konstituiert ist, statt herrschend-unterdrückend, erklärt sich, wie und warum das »koloniale Subjekt« beginnen konnte, sich die ehemals koloniale Gewalt selbst anzutun: Indem es das Wissen erwirbt, mit ihm die Notwendigkeit eines eigenen Nationalstaats erkennt – und diesen Staat dann erkämpft und verteidigt. Hierin bezieht sich die Anwendung des poststrukturalistischen Begriffs der Macht, die den Widerstand gegen sich produziert, auf einen realen Kern.
An der Betonung der im Wissen enthaltenen Macht zeigt sich Spivaks Nähe zu Said deutlich. Allerdings besteht der reale Kern nur bei ihr und nicht bei ihm, denn ohne Institutionen, welche die Alltagspraxis in Formen zwingen, in denen dieses Wissen greift, gibt es auch nichts, was sich fortsetzen könnte. Da hilft auch die Erfindung der indirekten Kolonisierung durch Castro Varela und Dhawan nichts. Diese behaupten, dass »es keiner Region dieser Erde möglich« gewesen sei, »den Wirkungen kolonialer Herrschaft zu entkommen«. Daher haben die Kolonialstaaten »auch in Ländern, die nie direkt kolonisiert wurden, tiefe Spuren hinterlassen«Castro Varela/Dhawan, Postkoloniale Theorie, 21.. Das ist eine folgenschwere politikfixierte Engführung der universellen Abhängigkeiten im Kapitalismus. Denn tatsächlich konnte keine Region dieser Welt dem Bedarf des Kapitals an souveräner Macht entkommen, und der Kolonialismus war eine Art, sie zu errichten. Daneben gab es aber auch andere Formen der Durchsetzung des Kapitals. Zusammengenommen stehen die unterschiedlichen Formen dafür, dass das Kapital eine grenzüberschreitende Totalität ausgebildet hat, die sich hinter dem Rücken der Subjekte durchsetzt. Als solche hat das Kapital auch im Osmanischen Reich und in anderen nie kolonisiert gewesenen Regionen »tiefe Spuren hinterlassen«. Mit dem kulturalistischen Wert- und Fetischbegriff, der die »internationale Arbeitsteilung« beklagt, aber die ökonomischen Gesetzte, die diese hervorbringt, verfehlt, ist das allerdings nicht zu fassen. Das gilt genauso für eine Haltung, nach der Theorie nur dazu da ist, einem widerständigen Subjekt zur Sprache zu verhelfen. Spivaks schillernder Begriff der Subalternen, die mal nicht sprechen können und manchmal nicht gehört werden, missglückt daher zu einer unfreiwilligen Allegorie des stummen Zwangs der Verhältnisse.
Der scheinbar in Antiimperialismus zurückfallende Schritt zur Dekolonisierung entpuppt sich also als Konsequenz daraus, dass die postkolonialen Debatten im Laufe ihrer Entwicklung zu einem immer weiteren Bogen um die Frage geworden sind, ob in diesen Debatten nicht zu viele kritisierte Phänomene nahezu ausschließlich auf den Kolonialismus zurückgeführt wurden. Die gesellschaftlichen Umstände, die von der Dekolonisierung weder abgeschafft noch in Frage gestellt wurden, bleiben unbeachtet. Eine solche Diagnose klingt zunächst wie Chakrabartys frühe Kritik an der Zurückführung aller gesellschaftlichen Phänomene auf den Kolonialismus. Allerdings hatte dieser damals jeweils lokale Faktoren wie das Kastensystem, Regionalismus und »Kommunalismus« (womit in Indien so etwas wie Identitätsbehauptung durch Religion bezeichnet wird) vor Augen, die für die Linke »›unkomfortable‹ Aspekte der Mentalität der Massen«Chakrabarty, Invitation, 373. Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor. bilden würden. Chakrabarty dachte bei der Formulierung an vom Kolonialismus unbedingte soziale Verhältnisse und nicht daran, die Denkbewegung umzudrehen. Von heute aus gesehen ist auf keinen Fall zu fragen, was der Kolonialismus alles bedingt hat und posthum noch immer bedingt, sondern umgekehrt, was in der Konstitutionsphase des unbestritten erhalten gebliebenen Kapitalismus den Kolonialismus bedingte und in welcher historisch gewandelten Form dieser Zwang heute weiter existiert.
Verlust des Zeitkerns der Ambivalenz
Gegenwärtig wird dieser Bogen so ausgeweitet, dass dabei die Voraussetzungen der eigenen Theorie beseitigt werden. Die einmal für den Postkolonialismus signifikante Ambivalenz scheint ihren Zeitkern verloren zu haben. Politisch lässt sich das damit erklären, dass die postkolonialen Staaten in der gegenwärtigen Krise die gleiche Sorte populistischer Regime ausbilden wie die westlichen Staaten. Die »unkomfortablen Aspekte« sind offensichtlich weder lokal noch traditionell. Oberflächlich lässt es sich erahnen, weil seit den 40 Jahren nach der indischen Unabhängigkeit inzwischen fast weitere 40 Jahre vergangen sind. Es dürfte daher kein Zufall gewesen sein, dass die Neuorientierung mit Blick auf Lateinamerika erfolgte, denn dort wähnt sich die Linke schon viel länger im Konflikt mit einem scheinbar nie enden wollenden Kolonialismus. Die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Nationalstaaten von Spanien und Portugal wurde – im Weltmaßstab vergleichsweise früh – bereits im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts erreicht.
In der Theorie zeigt sich der Ambivalenzverlust, indem die postkolonialen Fragestellungen nicht mehr postmodern anti-ontologisch, sondern unter dem ontologischen Schlagwort »Dekolonialität« umgeschrieben werden. Den Kern der Neufassung bildet eine Terminologie, die weitgehend begründungslos zwischen »Kolonialismus« und »Kolonialität« unterscheidet und der zufolge eine Dekolonisierung noch nicht einmal begonnen hat. »Damit die Dekolonisierung beginnen kann«, plant etwa Walter D. Mignolo aus dem Umfeld der Gruppe Modernität/Kolonialität, »müssen Alternativen zur Moderne und zur neoliberalen Zivilisation entworfen werden«.Walter D. Mignolo, Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien/Berlin 2012, 190. Dass dabei das anti-ontologische, postmoderne Paradigma in Ontologie zurückkippt und die Mittel zur Darstellung der Ambivalenz aus der Theoriesprache gestrichen werden, scheint die noch postkolonial Debattierenden kaum zu stören. Vielmehr wird begrüßt, dass »konkurrierende oder supplementierende Begriffe« wie Mignolos »dekolonial« »in ihren Grundannahmen auf ähnliche Phänomene und Problemfelder« wie der Postkolonialismus zielen.Castro Varela/Dhawan, Postkoloniale Theorie, 16. Die expliziten Angriffe werden von Castro Varela und Dhawan zwar gereizt entgegengenommen, aber als unangemessenes Gehabe angesichts der angeblich weitgehenden Gemeinsamkeiten dargestellt.Vgl. ebd., 318ff. Das ist eine erstaunlich defensive Reaktion auf Vorwürfe des Verrats wie beispielsweise denjenigen von Ramón Grosfoguel in Decolonizing Post-Colonial Studies and Paradigms of Political-Economy: Transmodernity, Decolonial Thinking, and Global Coloniality. Der Verrat liege darin, dass die postkoloniale Theorie westliche Denker bevorzugt habe. »Einer der mächtigsten Mythen des zwanzigsten Jahrhunderts« sei außerdem die Vorstellung gewesen, »dass die Abschaffung der Kolonialverwaltungen einer Entkolonialisierung der Welt gleichkommt. Dies führte zum Mythos einer ›postkolonialen‹ Welt«.Ramón Grosfoguel, Decolonizing Post-Colonial Studies and Paradigms of Political-Economy: Transmodernity, Decolonial Thinking, and Global Coloniality, in: Transmodernity 1 (2011), 1–36, hier 14. Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor.
Gegen den dekonstruktivistischen Subjektbegriff des Postkolonialismus wird ein avantgardistisches Bewusstwerdungs-Programm vertreten, das aber nicht minder kulturalistisch ist. Es sei, fordert Mignolo, »die Grammatik der Dekolonialität« zu entwickeln, um »ein Bewusstsein der Auswirkungen der Kolonialität von Sein und Wissen [zu] erlangen«.Mignolo, Epistemischer Ungehorsam, 188. Erkennbar sei diese, im Unterschied zum Kolonialismus, aber nicht. Aníbal Quijano, den Mignolo als Urheber der »Dekolonialität« präsentiert, habe diese Gegenspielerin der »Kolonialität« »[ge]fühlt und konzeptualisiert« – und so »die unsichtbare Ebene der Kolonialität hinter den modernen/imperialen Kolonialismen Europas« entdeckt.Ebd., 140. Obwohl die »Kolonialität« primär durch Wissen wirken soll, konstituiert sie nichts, kann also auch keine Nachwirkungen haben, sondern dient äußerlicher Kontrolle. »Kolonialität« sei »Kontrolle der Autorität«, »Kontrolle von Geschlecht und Sexualität«, »Kontrolle der Subjektivität«, »Kontrolle der Erkenntnis« und »Kontrolle der Natur«.Ebd., 142f. Dementsprechend gibt es auch nichts zu dekonstruieren. Die »koloniale Matrix der Macht« umfasst das Kapital als eine ihrer Sphären, »nämlich die Sphäre der Kontrolle der Ökonomie«,Ebd., 160. und Brüche in der Binnengeschichte des Kapitalismus, von denen die postmoderne Philosophie eher zu viele als zu wenige kennt, sieht Mignolo gar nicht mehr. Selbst der »›Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus‹« erweist sich »aus der Perspektive der (transmodernen und dekolonialen) Geschichte als Illusion«.Ebd., 156. Seit Kolumbus ist demnach alles identisch geblieben, und die ganze europäische Geistesgeschichte ist Trickserei, die diesen Umstand verschleiert. Fundamentaler kann man nicht gegen die Grundregeln des postmodernen Diskurses verstoßen. Allerdings überrascht die defensive Haltung der postkolonialen Fraktion auch nicht, denn die im Umfeld der Gruppe Modernität/Kolonialität entstandenen Theoreme sind durchaus geeignet, diese über den Verlust des Zeitkerns hinwegzutäuschen.
An Mignolos Ontologie wird auch greifbar, was der Dekolonialismus zum linken Antizionismus spezifisch beizutragen hat: »Kolonialität des Wissens« steht für die Geisterhand, die ständig machtvoll anordnet. Die darin enthaltene Nähe zum Antisemitismus springt besonders in einer Passage seines Buchs ins Auge. In ihr geht es um die Fähigkeit »imperialer, sprachmächtiger Subjekte«, »ihre Zugehörigkeit zu einer Region zu verschleiern«.Ebd., 113. Damit meint Mignolo eigentlich christliche und später aufgeklärte Kolonisator:innen. Zwar schreibt er an keiner Stelle, dass das Judentum eine Rolle bei der Kolonisierung spielte. Trotzdem hat irgendetwas in Mignolo, klassisch antisemitisch, dabei an Macht verschleiernde Juden gedacht, denn sonst hätte er kaum das Bedürfnis gehabt, in einer Fußnote folgende Erklärung zu ergänzen: »Warum nicht der Judaismus, sondern das Christentum hegemonial wurde, ist eine andere Geschichte; dies hat mit der Konsolidierung eines jüdischen Staates nach 1948 ebenso zu tun, wie mit der Rolle, die Jüd_innen in Komplizenschaft mit der aktuellen Machtstruktur einnehmen (wie etwa in Russland und in den USA)«.Ebd., Fn. 64. Völlig unvermittelt fällt hier die zionistische Lobby mit Mignolos spezifischem Bedürfnis nach Geschichtslosigkeit ineinander. Wenn allen Ernstes behauptet wird, dass eine Staatsgründung von 1948 eine Rolle in gesellschaftlichen Entwicklungen im 16. Jahrhundert gespielt hat, muss irgendwas im Argen liegen. Das Unbewusste kennt jedoch keine Zeit und Mignolos Fußnote lässt sich als einen jener abrupten Einbrüche ins bewusste Denken deuten. Das ahistorische Übersubjekt namens »Kolonialität« wird hier mit Israel kurzgeschlossen und die historische Entstehung in eine zeitlose Ursache verwandelt. Der zionistische Staat verkörpert auf diese Weise den historischen Stillstand, den es braucht, damit die Dekolonisierung begonnen werden kann.
~JustIn Monday
Der Autor lebt und schreibt in Hamburg. Eine ausführliche Entwicklung der hier formulierten Kritik findet sich im zweiteiligen Aufsatz Diskontinuität des Kolonialismus – Zu Geschichtsphilosophie und Realgeschichte von Post- und Dekolonialismus. Der erste Teil ist in Ausgabe 22 (2025) der Zeitschrift Exit! erschienen.