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Früher war mehr Lametta

Zurichtung und Entfaltung in der Familie

Herbst 2014

Editorial

Um den Soldaten das deutsche Wesen näher zu bringen, verfasste die britische Armee 1944 ein Handbuch, das nun zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen ist. Ein Buch, dessen Lektüre jeden Integrationskurs ersetzen sollte. Im Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 heißt es zum Beispiel: »Wenn Sie die Deutschen kennenlernen, denken Sie wahrscheinlich, dass sie uns sehr ähnlich sind. […] Aber sie sind uns nicht so ähnlich, wie es scheinen mag. […] Alles in allem ist der Deutsche nämlich brutal, solange er siegreich bleibt, wird aber selbstmitleidig und bettelt um Mitleid, wenn er geschlagen ist. Die Deutschen haben natürlich viele gute Eigenschaften. […] Sie sind gehorsam und lieben Sauberkeit und Ordnung über alles. Sie sind sehr an formeller Erziehung interessiert und sind stolz auf ihre ›Kultur‹ […] Doch seit Jahrhunderten sind sie daran gewöhnt, sich Autoritäten zu fügen […] Es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, dass die Deutschen zugleich sentimental sind. Sie lieben melancholische Lieder. Sie neigen zu Selbstmitleid. Selbst kinderlose alte Ehepaare bestehen auf ihrem eigenen Weihnachtsbaum. […] Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einem ausgewogenen Selbstbewusstsein. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie weisen einen hysterischen Charakterzug auf. Sie werden feststellen, dass Deutsche häufig bereits in Wut geraten, wenn auch nur die kleinste Kleinigkeit danebengeht.« Weiter

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Früher war mehr Lametta!

Einleitung zum Schwerpunkt

Der moderne Kapitalismus, so schrieb Alexandra Kollontai 1920 in ihrem Essay Kommunismus und die Familie, führe in absehbarer Zeit zur Auflösung der bisher bekannten, klassischen Familienstrukturen. Angesichts zunehmender Erwerbstätigkeit der Frauen, die Heim und Kinder gegenüber der Lohnarbeit vernachlässigen müssten, dem Wandel der Familie von der Produktions- zur Konsumtionsgemeinschaft sowie der immer weiter fortschreitenden Technisierung und Vergesellschaftung ehemals privater Reproduktionsarbeiten werde die Familie mitsamt den in ihr aufgehobenen »Geschlechterbanden« schlicht überflüssig. Fair enough, mochten da die alten Commies denken, schließlich hatten schon Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei siebzig Jahre zuvor die Aufhebung der Familie gefordert, galt sie ihnen doch – zumindest in ihrer bürgerlichen Form – als reiner Ausdruck eines Geldverhältnisses, basierend auf Kapital und Privateigentum. Und auch die Marxistin Kollontai sah ihre Zeitdiagnose nicht zwangsläufig negativ. Vielmehr betrachtete sie das Abflauen der Notwendigkeit von Familie als objektive geschichtliche Tendenz, auf die die aufkeimende russische Arbeitergesellschaft unterstützend einzuwirken habe: durch die möglichst umfassende Verstaatlichung der Produktionsmittel, der unproduktiven Hausarbeit und der Kindererziehung. Weiter…

Cornelia Schadler

Die Genese von Familie

Entstehung und Transformation eines Konzepts im Wandel der Gesellschaft

»Familie« ist ein Begriff und Konzept, das in gegenwärtigen postindustriellen Kulturen so dominant ist, dass sich alle in diesen Gesellschaften lebenden Menschen damit auseinandersetzen müssen.Ich weise in diesem Text zwar nur wenige wissenschaftliche Einflüsse aus, mein Vorgehen und meine Analyse sind aber sehr wahrscheinlich geprägt durch die Neomaterialistischen Theorien, mit denen ich in meinem wissenschaftlichen Arbeitsalltag forsche, sowie durch die Diskurse der Familien- und Geschlechtersoziologie, mit denen ich in Studium und Wissenschaft zu tun hatte. Der Begriff, der lange mit der hegemonialen Bedeutung nukleare Familie (=Vater-Mutter-Kind) belegt war, hat in den letzen Jahrzehnten Umdeutungen erfahren und wurde gleichzeitig einzementiert. Rosi Braidotti nennt es einen Schizoid Double Pull,Rosi Braidotti, Transpositions. On Nomadic Ethics, London 2006, 49. wenn Strukturen sich gleichzeitig abschwächen und verstärken. Es gibt mehr akzeptierte Formen des Zusammenlebens und gleichzeitig werden traditionelle Formen des Zusammenlebens bestärkt. Bevor ich zu diesen Gegenwarten zurückkehre, möchte ich aber kurz die Genese des Familienbegriffs und seiner hegemonialen Deutung am Übergang von einer Agrar- zur Industriegesellschaft beschreiben, um dann im Anschluss die Transformationen des Familienkonzeptes am Übergang zu einer postindustriellen Gesellschaft zu analysieren. Weiter…

Doris Liebscher, Juana Remus

Blut ist dicker als Wasser

Konzept und Wirkungsmacht der heteronormativen Familienkonzeption im bürgerlichen Recht

Biologische (Bluts-)Verwandtschaft bindet Menschen am stärksten aneinander – so wird gemeinhin die Rede verstanden, Blut sei dicker als Wasser. Dabei meinte der Spruch ursprünglich etwas ganz anderes. Alttestamentarischen Ursprungs verweist er auf den Abschluss von wichtigen Verträgen, die »im Blute« besiegelt wurden. Die so gemeinsam mit Tierblut besiegelte getroffene Vereinbarung, in anderen Überlieferungen die Blutsbrüderschaft, galt als stärker als das Wasser, das Geschwister im Bauch der Mutter verband. In dieser Lesart vermengt sich bereits die Idee des bürgerlichen Rechts, dass freie Rechtssubjekte auf Basis einer freien Willensentscheidung bindende Verträge schließen, mit dem symbolisch aufgeladenen Stoff des Blutes, das als natürliche Essenz Dauerhaftigkeit und Verbindlichkeit verspricht – Bis das der Tod Euch scheidet. Weiter…

Sonja Engel

Sichtbarkeit produzieren!

Ein Einblick in die Diskussion um Reproduktionsarbeit, Kapitalismus und Geschlecht

Die wohl meistbemühte Metapher im Rahmen der Diskussionen um Reproduktions-, Haus- und neuerdings Care-Arbeit ist die der Unsichtbarkeit. Damit wird nicht nur ausgedrückt, dass dieser Arbeit in Theorie und Alltag zu wenig Beachtung geschenkt wird, sondern dass sie eine Abwertung erfährt. Feminist_innen arbeiten seit weit über einhundert Jahren daran, die Verknüpfung und Verwebung von Geschlecht und Kapitalismus, von vergeschlechtlichter Arbeitsteilung und den damit einhergehenden Subjektivierungen und normativen Beziehungsformen zu beschreiben, zu analysieren und zu kritisieren. Die Modelle feministischer Ökonomiekritik verfolgten und verfolgen sehr unterschiedliche Fragestellungen und politische Strategien. Gemeinsam ist ihnen die Verhandlung der Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Produktion und Reproduktion und dem damit einhergehendem Wert bzw. der damit einhergehenden Wertschätzung. Weiter…

Felicita Reuschling

Motive des Scheiterns und Funktionierens

Eine kritische Geschichte utopischer Familienentwürfe

Die sozialistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. haben die bürgerliche Familie, die wichtigste aller traditionellen Gemeinschaftsformen, aus je unterschiedlichen Gründen in Frage gestellt. Obwohl es naheliegt, dass eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft andere gesellschaftliche und persönliche Beziehungsformen herstellen muss, sind die meisten dahingehenden Versuche bisher gescheitert. Im Folgenden wird das Scheitern und Funktionieren alternativer Familienkonzepte am Beispiel der frühen Sowjetunion und der Kibbuzbewegung erzählt, ohne dass dabei der Begriff des Scheiterns das Modell der bürgerlichen Familie als Ideal affirmieren soll. Weiter…

Sarah Speck

Verspannte Frauen, coole Männer

Gleichheitsvorstellungen und Arbeitsteilung in heterosexuellen Paarbeziehungen

Paare aus dem alternativen, urbanen Milieu sind ihrem Selbstverständnis nach egalitär und meinen, Geschlechterrollen und die historisch mit diesen einhergehende Arbeitsteilung überwunden zu haben: Beide sind in der Regel erwerbstätig, wer die Haus- und Sorgearbeit macht, sei kein Thema – man teile sich alles. Doch betrachtet man ihre Praktiken und deren Aushandlung, so zeigt sich, dass paradoxerweise gerade ihre Orientierung auf Gleichheit und ihr Verständnis von Partnerschaftlichkeit zu sehr ungleichen Vereinbarungen führt. Was aber heißt das für eine emanzipatorisch-feministische Analyse und (Alltags-)Praxis? Und was bedeutet eigentlich Egalität? Weiter…

Maya Dolderer

Why have kids?

Begehren in pädagogischen Beziehungen

Wer sich gegen Kinder entscheidet oder in einem gewissen Alter keine Kinder hat, wird – besonders als Frau – diesen Umstand immer wieder begründen müssen. »Wie, du willst keine Kinder? Warum denn?« Kinderlosigkeit ist immer noch eine Abweichung von der Norm und wird selten als eine souveräne Entscheidung gedeutet, sondern eher als unfreiwilliges Unglück. Lena Correll, Anrufungen zur Mutterschaft. Eine wissenssoziologische Untersuchung von Kinderlosigkeit, Marburg 2009. Eine Entscheidung für Kinder hingegen ist kaum begründungsbedürftig. So wird es äußerst selten passieren, dass frisch gebackene Eltern sich dafür rechtfertigen müssen, ein Kind bekommen zu haben (außer vielleicht in linken Hausprojekten). Dass Leute Kinder bekommen wollen, erscheint vollkommen selbstverständlich. Die Selbstverständlichkeit des Kinderwunschs müsste jedoch angesichts der Umstände überraschen: Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der Autonomie, Flexibilität und Leistung, aber auch persönlicher Genuss und Begehrenswertsein zentrale Werte sind, ist Elternschaft ein enormes Risiko. Trotz Eltern-Life-Style-Magazinen wie Nido und ähnlichen – und selbst in denen wird ständig mit den Nachteilen von Elternschaft gehadert – ist Elternschaft nicht nur irgendwie uncool, sondern mit ökonomischen Nachteilen, Einschränkung im Lebensstandard, einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen und anderen Backlashs verbunden. Weiter…

Feline Nowak

Wenn die Blase platzt

Über die schwierige Vereinbarkeit von Gleichheit, Freiheit und Familie

Hinter dem Wunsch nach einem Kind verbirgt sich meist die Erwartung, das eigene Lebensglück zu steigern. Sind ein paar Wochen oder Monate nach der Geburt vergangen, steht man jedoch häufig einer harten Realität gegenüber. Der Schleier der Unwissenheit lüftet sich. Auch wenn man eigentlich um die elterlichen Einschränkungen wusste, waren diese nicht wirklich vorstellbar und fühlen sich in der Realität ungemein härter an als erwartet. Mit fehlendem Schlaf, emotionaler Überforderung, knapper Freizeit und den sich daraus ergebenen zwischenmenschlichen Problemen hat man die Schattenseiten des Elternseins kennenlernen dürfen. Glücklicherweise gibt es zwischen den anstrengenden Momenten, wie etwa den kindlichen Wutausbrüchen, die positiven, in denen man überaus glücklich darüber ist, ein Kind zu haben. Es ist eine große Freude, Kinder aufwachsen und sich entwickeln zu sehen. Auch haben sie eine relativierende Wirkung auf das eigene Leben. Denn mit der Verantwortung für ein Kind entstehen neue Herausforderungen und Aufgaben, wodurch den Lebenssphären von Politik, FreundInnen und Arbeit ein Korrektiv zur Seite gestellt wird. So ist die Genesung eines kranken Kindes, die Wahl des Kindergartens oder sogar des richtigen Kinderfahrrads in gewisser Weiser existenzieller. Es hängt das Wohl des eigenen Nachkommens daran, dem man sich durch Geburt oder Adoption verpflichtet hat. Weiter…

Jochen König

Väter und ihre Ausreden

Eine Kritik am Umgang von Vätern mit ihren Handlungsoptionen

Spätestens seit den siebziger Jahren versuchen feministische Theoretikerinnen die strikte Trennung zwischen Produktion und Reproduktion bzw. zwischen Arbeit und care oder genauer zwischen Lohnarbeit und der Betreuung, Versorgung und Pflege von Kindern sowie weiterer Haus- und Familienarbeit zu hinterfragen und zu kritisieren. Über feministische Diskurse hinaus wird diese Kritik jedoch kaum wahrgenommen und aufgegriffen. Viel zu oft bleibt sie auch in linken Debatten unberücksichtigt. Immerhin scheint die Diskussion über die gesellschaftliche Bedeutung von care-Arbeit sowie die geschlechterpolitischen Konnotationen in den letzten Monaten wieder an Bedeutung gewonnen zu haben. Im März 2014 trafen sich etwa 500 Menschen zur Aktionskonferenz Care Revolution. Im Anschluss widmete sich die disko-Reihe der Jungle World über mehrere Wochen dem Thema und veranstaltete bei den Linken Buchtagen in den Berliner Mehringhöfen eine gut besuchte Podiumsdiskussion dazu. Gleichzeitig wurden durch die aktuelle Beschäftigung mit diesem Thema auch wieder die Defizite der Debatte deutlich. Im Jahr 2014 scheint einzig darüber ein Konsens möglich, dass klassisch linke Methoden des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen im Rahmen von care-Arbeit nicht ohne Weiteres funktionieren, da recht schwer zu leugnen ist, dass beispielsweise Kind-ins-Bett-bringen nicht einfach bestreikt werden kann. Darüber hinaus verharren die unterschiedlichen Akteur_innen im Streit um unterschiedliche Perspektiven und in der immer wieder vorgetragenen Beteuerung doch nicht das große Ganze aus dem Auge verlieren zu wollen. Alles Weitere bleibt floskelhaft. So formuliert die Gruppe kitchen politics in der Jungle World, dass der Kampf an vielen Fronten geführt und gewonnen werden müsse: »in der Küche, im Schlafzimmer, in den Schulen, in der Klinik, auf den Straßen und an vielen anderen Orten«. Ganz ähnlich die Gruppe TOP-B3rlin: »Dabei muss es auch darum gehen, wie wir unsere eigene Reproduktion in unserer politischen Praxis organisieren, und es darf beim sogenannten Privatleben noch lange nicht aufhören«. Weiter…

Jonas Engelmann, Astrid Henning-Mohr und Judith Rudolph

Der ganze Mensch soll es sein

Eine kurze Reflexion aus dem Familienalltag

Wer Kinder hat, hat keine Zeit. Zumindest nie genug: Zeit für sich, für das Feilen an Texten bis sie perfekt sind, den eigenen Ansprüchen genügen. Tagesmütter fallen aus, Zähne wachsen, ErzieherInnen werden krank, die Kinder ebenfalls und Ausschlafen gibt‘s nicht mehr. Alltag wird zur Improvisation, zur ständig neuen Herausforderung, spannend allemal, auf der Strecke jedoch bleibt die Zeit für Foucault-Lektüren und Adorno-Exegesen. Texte wollen trotzdem geschrieben werden, sonst hat man ja nichts gelernt (zumal Foucault ja zurecht behauptet, Philosophie ist nicht die Erkenntnis des Wissens, sondern das Leben und die Erkenntnis des Seins), und so bleiben sie oft Rohbau, nicht abgeschlossen und nie perfekt, ein Prozess, wie auch die Erziehung einer ist. Wer Kinder hat, tauscht sich in seiner wenigen freien Zeit übers Zähnebekommen, Durchschlafen, Kitas und im besten Fall auch Erziehungsfragen aus. Kein Austausch von Befindlichkeiten, sondern Bewältigungsstrategien des Alltags. Klarheit bekommen über die eigenen Ansprüche sowie das Scheitern daran. Die Suche nach Solidarität im Scheitern, die Suche nach Bestätigung der eigenen Strategien, die Suche nach neuen Wegen in der Erziehung. Weiter…

Johannes Spohr

Harmonie ohne Minen

Zur Erinnerung an den Nationalsozialismus im familiären Gedächtnis

»Die ganze Zeit quatscht er vom Krieg, vom Don und von der Wolga. Jeden Tag erzählt er mir wie toll es in der Wehrmacht war. Opa, halt‘s Maul!« (Terrorgruppe – Opa halt‘s Maul!). Der Text der Fun-Punkband Terrorgruppe, erschienen 1996 auf dem Album »Melodien für Milliarden«, zeigt zwei Punkte auf, die ich in diesem Text verdeutlichen will: Die Täter_innen haben nicht per se geschwiegen, und: Seit Erscheinen des Songs hat sich einiges getan. Scheinbar befindet sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus in den Familien in einem Wandel. Denn heutzutage scheint die Jugend an den einst als langweilig empfundenen Geschichten des Opas interessiert zu sein. Die Art und Weise der inzwischen propagierten Interessenbekundung ist jedoch kaum dazu geeignet, eine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Täter_innenschaft in den Familien und darüber hinaus anzuregen. Weiter…